Daß Gedenktage das Gedächtnis und die Erinnerung der Menschen nicht auf ein Damm ixieren und beschränken sollen, ist ein Gemeinplatz, den man in allen Gedenktagsreden hören kann. Aber der Mensch ist vergeßlich und braucht offenbar den kalendarisch festgelegten, sich jährlich wiederholenden Anstoß, um sich überhaupt dessen zu erinnern, was ein solcher Tag bewußt machen will. Und auch dieser Versuch mißlingt erfahrungsgemäß in den meisten Fällen. Man hört die jeweilige Gedenkansprache oder Totenpredigt an, versucht seinen Zügen wenigstens für diesen Augenblick Ernst und Würde zu verleihen, sitzt oder steht etwas steif und verlegen da und begibt sich anschließend aufatmend ins Freie oder auf ein Bier in das nächste Restaurant, um sich zu vergewissern: das Leben hat uns wieder.

Vielleicht ist es nicht nur subjektives Versagen, sondern die objektive Unvorstellbarkeit jener Vorgänge, an die wir uns zu erinnern versuchen, die uns scheitern läßt. Eine Stadt, die während einer Nacht im Phosphorregen untergeht; ein Bataillon, das im Kampf um einen Kartoffelacker bis auf den letzten Mann verblutet; oder gar ein Lager, das Millionen Menschen schluckte und nur deren Asche und Kleider wieder hergab – sie sind nicht vorstellbar. Schon dem Tod im Singular stehen wir ratlos gegenüber.

Und da die kalendarische Bestimmung nicht zureicht, nimmt man noch eine örtliche Fixierung zu Hilfe. Doch auch Denkmal, Ehrenhalle, Obelisk, Totenhain oder Gedenktafel machen-die Sache nicht besser. Sie sind nur der steingewordene Ausdruck unserer zum konventionellen Ritual erstarrten Anstrengung – und der Beweis ihrer Vergeblichkeit. Von den Monumenten ist Hilfe nicht zu erhoffen. Das ist selbst dort so, wo die Unglücksstätte selbst zum Denkmal wird. Es liegt in der Natur der Zeit und des menschlichen Lebens, auch jene Reste der Wirklichkeit, die aus dem Gestern in die Gegenwart hinüberragen, unweigerlich zu tilgen, wenn nicht sofort, dann nach Jahren.

Günther Anders hat in seinem Hiroshima-Tagebuch präzis beschrieben, wie die Realität der neuen Hochhäuser jeden Anlauf zur Rückbesinnung durchkreuzt, wie die Wirklichkeit der Gegenwart jener vergangenen Wirklichkeit hohnlacht, selbst noch im Bau des Hiroshima-Museums, das fast wie ein Ei dem anderen dem benachbarten Hiroshima-Hotel gleicht, in dessen Bar man sich von den Schrecken des Museums erholt.

Ich erinnere mich noch, wie ich das erstemal das Denkmal für die Kämpfer des Warschauer Gettos besuchte. Die Besichtigungen und Interviews des Vormittags hatten unser Mittagessen um fast eine Stunde verzögert, die Bedienung im Hotel war so langsam wie immer in Warschau, unser Dolmetscher drängte zum Aufbruch. Draußen warteten schon zwei Autos. Der Ärger über die unterbrochene Mahlzeit mischte sich mit der Beschämung, in diesem Augenblick über so etwas Ärger zu empfinden, und dem bedrängenden Gefühl der vollkommenen Inadäquatheit der Situation. Es begann zu regnen, wir waren ohne Mäntel.

An Ort und Stelle angekommen, überreichte uns der Dolmetscher den von ihm besorgten riesigen Kranz, den er die Fahrt hindurch auf den Knien gehalten hatte. Während der Pressephotograph an seinen Geräten hantierte, zogen wir Krawatte und Jackett zurecht, gruppierten uns in zwei Reihen und begannen gemessenen Schrittes auf das Denkmal zuzugehen, während wir verzweifelt unsere Gedanken zu sammeln suchten. Der grobe Kies knirschte unter unseren Füßen. Wir bewegten uns genauso, wie man sich in solchen Fällen bewegt. Es war abscheuliches Provinztheater.

Zu zweit legten wir den großen Kranz behutsam auf die marmornen Treppenstufen und traten zwei Schritte zurück. Auf Wunsch des Photographen mußte die Szene wiederholt werden. Wir schritten noch einmal bis zum Fuß des Denkmals vor, beugten uns noch einmal hinunter und berührten mit unseren Händen den Kranz, als müßten wir ihn zurechtrücken.