Berlin, im November

Zum erstenmal seit drei Jahren hat die DDR-Regierung allen "Personen im Rentenalter" – Männern über 65 und Frauen über 60 Jahre – die Ausreise zum Besuch ihrer Verwandten in der Bundesrepublik erlaubt. Da stellt sich die Frage: Wie leben Rentner drüben und wovon?

Auf einer Bank in einer Grünanlage in Ostberlin sitzt ein alter Mann. Es ist ein nebliger Novembertag. Der Mann ist müde. Er ist einer von denen, die zu Hause blieben. "76 werde ich, und meine Frau ist ebenso alt. 55 Jahre sind wir schon verheiratet." Vierzig Jahre lang hat er bei den Westberliner Siemenswerken gearbeitet, die letzte Zeit als Meister. 1953 wurde er pensioniert. Jeden Monat konnte er sich 300 Mark in Westberlin abholen, und da die Ehefrau auch gearbeitet hatte, bekam sie eine Rente in Ostberlin. Dann kam die Mauer, der pensionierte Siemensmeister bekam kein Geld mehr.

Es gibt keine Abmachung zwischen Bonn und Pankow, wonach Pensionen über ein Verrechnungskonto in der jeweils anderen Währung ausgezahlt werden. So geht die Siemensrente auf ein Westberliner Sperrkonto. Aber der alte Mann hat nichts davon. Er will auch nicht in den Westen übersiedeln, wo seine Tochter lebt, obwohl er dort außer der Pension noch seine Sozialversicherungsrente bekommen würde. In Ostberlin erhält er monatlich 190 Mark, seine Frau 127 Mark. "Das reicht uns zum Leben. Man soll alte Menschen nicht mehr verpflanzen. Wir sind jetzt schon seit 49 Jahren in unserer Wohnung, für 32 Mark Miete, und da drüben, um die Ecke ’rum, da bin ich geboren."

Die 68jährige Witwe B. hat einmal "bessere Zeiten gesehen". Der Mann war Beamter und verdiente gut, sie brauchte nicht zu arbeiten. Deshalb hat sie jetzt auch nur Anspruch auf die Mindestrente von 125 Mark. Aber sie klagt nicht, sie kommt aus. Sie hat ein Zimmer und eine kleine Küche. Pro Monat zahlt sie dafür 31 Mark Miete. Auch Strom und Gas sind billig. Mit den restlichen 93 Mark kommt sie aus: "Ich trinke und ich rauche nicht, das erspart viel. Und Kleider und Schuhe, die bei uns so teuer sind, brauche ich auch nicht mehr. Ich habe noch so viel von früher, das kann ich jetzt auftragen. Drüben würde ich ja eine schöne Pension bekommen, aber das gibt’s hier nicht. Es muß.halt, auch so gehen."

Die meisten alten Frauen in Ostberlin, die von ihrer kleinen Rente leben müssen, klagen nicht. Da war nur eine 75jährige, die schimpfte. Früher hatte sie in einer Fabrik gearbeitet. Dann ging sie viele Jahre als eine aus dem "Scheuerlappengeschwader" nach Westberlin. Ihr Stundenlohn als Putzfrau vervierfachte sich in der Wechselstube. Doch damit ist es nun vorbei; sie ist heute so verbittert, daß sie es ablehnt, stundenweise zu arbeiten. Sie hat von ihrer Wohnung ein Zimmer vermietet, so daß sie von ihrer Rente rund hundert Mark übrig behält: "Das reicht zum Essen, für die Schuhsohlen und selten einmal für eine Tasse Kaffee; aber kaufen kann ich mir nie nischt."

Die Rentenversicherung ist noch immer ein Stiefkind des Arbeiter- und Bauernstaates. Die Berechnungsgrundlagen stammen aus dem Jahre 1947, die Beträge decken bei einem großen Teil der Rentner kaum das Existenzminimum. Nur zweimal in den letzten, acht Jahren wurden die Renten geringfügig erhöht, zuletzt am 1. Januar 1964. Die SED weiß selber gut genug, daß ihr Rentensystem kaum sozial und schon gar nicht sozialistisch genannt werden kann. Ende Juli 1956 machte Walter Ulbricht auf der 38. Tagung des Zentralkomitees zum erstenmal Vorschläge für eine umfassende Rentenreform. Sie sei deshalb notwendig, so erklärte er, "weil durch das alte Recht die Arbeiterklasse benachteiligt wird, da sie in der Regel durch ihr niedriges Einkommen in der Zeit des Kapitalismus nur die Mindestrente erhält. Das steht im krassen Widerspruch zur Rolle und zu den Leistungen der Arbeiterklasse beim sozialistischen Aufbau. Das neue Pensionsrecht eröffnet für die Arbeiterklasse und für alle Werktätigen die Perspektive auf einen gesicherten Lebensabend".