Deutschland hat einen Mann verloren, der für die Politik seines Landes und für das freie Europa mehr getan hat, als viele glauben. Man sah Heinrich von Brentano immer nur im Schatten Konrad Adenauers: als Fraktionsvorsitzender der Union, als Bundesaußenminister. Von seiner klugen, selbstlosen Pflichterfüllung im Dienst der Adenauerschen Konzeption, die er aus Überzeugung bejahte und mitgestaltete, drang nur wenig nach außen. Denn Heinrich von Brentano gehörte nicht zu denen, die ihren persönlichen Anteil an einem politischen Erfolg auf dem Markte verkünden. In allen Auseinandersetzungen bewahrte er sich die Noblesse des Kavaliers, die ihm nach Herkunft und Wesen gegeben war. Das mochte oft ein Hindernis für ihn gewesen sein. In manchen Situationen waren ihm die wendigeren, die härteren und die emsigen Detailkenner überlegen. Der Respekt, der ihm entgegengebracht wurde, gründete auf anderen Werten: auf seiner unbestechlichen Loyalität, seiner redlichen Gesinnung und menschlichen Würde, der anfechtbare Mittel, fremd waren.

Nach dem Zusammenbruch gründete Brentano mit Werner Hilpert, dem späteren hessischen Finanzminister, und anderen Freunden, die hessische CDU, die ihn im Jahre 1948 in den parlamentarischen Rat entsandte. Nach der Wahl Adenauers zum Bundeskanzler übernahm Brentano den Vorsitz der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. Er führte die Geschäfte in einer eleganten, lässigen Art. Gewiß, Adenauer lieh ihm seine Autorität, aber Brentano war für den Kanzler der Mittler, ohne den die Fraktion manche Zerreißprobe vielleicht nicht bestanden hätte.

Auch als Außenminister war Brentano dem Bundeskanzler ein wertvoller Interpret seiner Ideen. Brentano hielt die Einigung Europas nicht nur aus politischen Zweckmäßigkeitserwägungen für notwendig. Er war ein Europäer aus Überzeugung.

Brentano war kein mitreißender Redner. Wer ihn nur in öffentlichen Versammlungen hörte, gewann keinen zureichenden Eindruck von ihm. Im kleineren Kreise, wo er die Argumentation, an die er sich als Rechtsanwalt gewöhnt hatte, zur Geltung bringen konnte, bestach er oft durch seine Schlagfertigkeit und seinen Witz. Es war etwas Zwiespältiges in seinem Wesen, das ihn oft innerlich unsicher erscheinen ließ. Er besaß bedeutende, aber schwer miteinander zu vereinbarende Talente, wie sie den Nachkommen hochbegabter Familien oft zuteil werden.

Als Brentano im Jahre 1961, angewidert durch den Zank der künftigen Koalitionspartner um die Ministersitze, sein Ressort zur Verfügung stellte, wuchs sein Ansehen im Lande gewaltig. Nun erkannten viele, die es bis dahin nicht gewußt hatten, daß diesem Manne die Sache immer über die persönliche Geltung ging, daß er sich als Diener der Aufgabe fühlte, der er sich mit Leidenschaft ergeben hatte. R. S.