Von Kurt Simon

Die Konjunktur ist eine Dame, die alle Eigenschaften aufweist, die den Frauen, sei es im Ernst oder im Scherz, zugeschrieben werden. Diese alte Weisheit ist neu bestätigt worden. Oh, wie so trügerisch ... Diese Melodie könnte tatsächlich nach einem Vergleich der Prognosen über die Wirtschaftsentwicklung mit dem tatsächlichen Geschehen in diesem Jahr angestimmt werden. Die Konjunktur hat sich besser betragen, als es Pessimisten und selbst Optimisten im Frühjahr voraussagten.

Es ist nicht zu dem vielerorts erwarteten Überschäumen der konjunkturellen Kräfte gekommen. Unser Wirtschaftsmotor läuft zwar auf vollen Touren, aber er ist nicht heiß gelaufen. Der Zuwachs der Industrieproduktion liegt bei neun Prozent. Die Außenhandelsüberschüsse haben sich normalisiert. Die Preisentwicklung ist gewiß noch nicht befriedigend; denn die Lebenshaltungskosten liegen drei Prozent über dem Vorjahrsstand; aber es hat, zumindest bis heute, nicht jene Preissteigerungen gegeben, die im Frühjahr nach den damals vorliegenden Daten befürchtet werden mußten.

Wer den Ursachen dieser günstigen Entwicklung nachgeht, stößt zunächst auf die Tatsache, daß es unsere EWG-Partner Italien, Frankreich und Holland fertiggebracht haben, den Preisauftrieb in ihren Ländern zu dämpfen und damit auch den Hunger nach deutschen Erzeugnissen. Es gibt keinen Exportsog aus der EWG mehr. Im dritten Vierteljahr blieben die deutschen Ausfuhren nach Italien sogar um 31,5 Prozent hinter den Vorjahrsexporten zurück. Die Mitte April gemeinsam im EWG-Ministerrat beschlossenen Stabilisierungsmaßnahmen waren von Erfolgen gekrönt, die Bundeswirtschaftsminister Schmücker mit Recht zu den erfreulichsten der gemeinsamen Wirtschaftspolitik der EWG-Länder zählt. Da die deutsche Einfuhr (ohne Rüstungsgüter) um fünfzehn Prozent zunahm, die Ausfuhrdynamik dagegen stark nachgelassen hat, droht vom Außenhandel her der Preisstabilität keine akute Gefahr mehr.

Die Auftriebskräfte für das wirtschaftliche Wachstum haben sich zunehmend auf die inländische Nachfrage, besonders nach Gütern für den Ausbau und die Modernisierung von Produktionsanlagen, verlagert. Um hier Übersteigerungen zu vermeiden, griff die Bundesbank zu dem Mittel der Kreditverknappung. Sie erhöhte die Mindestreserven, die von den Banken gehalten werden müssen. Sie verhinderte, daß der Kreditspielraum der Banken durch Refinanzierung im Ausland ausgeweitet werden konnte. Bundesbank und Regierung kündigten schließlich gemeinsam an, daß sie die Erträge besteuern wollten, die Ausländer aus ihrem festverzinslichen Wertpapier in der Bundesrepublik ziehen. Die Drohung mit dieser sogenannten Kuponsteuer, die bis heute nicht rechtskräftig geworden ist, hat nicht nur bewirkt, daß der Kapitalzustrom in die Bundesrepublik aufhörte; es kam sogar zu einem Abfluß von ausländischem Kapital. All diese Maßnahmen führten zu einer wirksamen Einengung des Kreditspielraums. Die monetären Voraussetzungen für eine Konjunkturüberhitzung waren damit nicht gegeben.

Wie wird es weitergehen? Wenn es zutrifft, daß die Konjunktur wie eine Frau um so besser zu beurteilen ist, je weniger von ihr gesprochen wird, dann sind die Aussichten recht günstig. Sie sind viel besser, als es nach der Ausschöpfung aller Arbeitskraftreserven angenommen werden konnte.

Regierung und Notenbank sind – das war nicht immer so – in dem Urteil über die wirtschaftliche Situation und über die getroffenen Maßnahmen einig. Punkt für Punkt könne man, so wird im Bundeswirtschaftsministerium versichert, den letzten Notenbankbericht unterschreiben. In Bonn wie in Frankfurt befürchtet man von einer Lockerung der Kreditschraube eine Zunahme des Preisauftriebs, während der Zuwachs an realen Werten davon aber kaum berührt wird. Beide halten deshalb an den Kreditrestriktionen fest und wollen auch die Kuponsteuer noch im Bundestag durchsetzen. Daneben macht man, sowohl in Bonn wie auch in Frankfurt, mit einigem Schmunzeln darauf aufmerksam, daß die Notenbank auch noch, falls es notwendig werden sollte, mit einer Diskontsatzänderung die Dinge in das richtige Lot bringen könnte. Abgesehen von der Schweiz gibt es kein bedeutsames Industrieland, dessen Diskontsatz so niedrig läge wie der der Bundesrepublik.