Von Alex Natan

Im Haushalt des europäischen Tourismus ist der Tourist eine Nummer geworden. Aber ich wehre mich gegen den Versuch, mir meine Individualität zu nehmen. Und so meckere ich gern gegen alle Versuche, mir den vollen Wert meines Geldes vorzuenthalten. Ich bin der Terror manchen Speisewagens geworden, weil ich, mich auf die landesübliche Gesetzgebung beziehend, stets darauf bestehe, eine Zuckerzange mit der Zuckerdose vorgesetzt zu erhalten.

Das Warten auf europäischen Flugplätzen, wenn keine zwingenden Gründe vorliegen, wird allmählich zu einem öffentlichen Ärgernis. Der Flug von London nach Frankfurt oder Düsseldorf ist gewöhnlich kürzer als die Wartezeit auf dem Londoner Flughafen, der noch immer unter bürokratischer Überorganisierung leidet. Wer warten muß, möchte die Gründe wissen. Die Damen des Londoner Flughafens, die ausreichende Auskunft erteilen sollten, sind gewöhnlich so unwissend wie die Fragenden. Macht man sie auf ihre Berufspflichten aufmerksam, dann setzen sie die Mienen von abgesetzten Königinnen auf, die bei überstürzter Flucht ihren Lieblingsmops vergessen haben. Wer aber den Mut besitzt, sich den Public-Relations-Offizier kommen zu lassen, sieht sich einem Mann gegenüber, der sich unnahbar gibt. Erst der Hinweis auf den lokalen Parlamentsabgeordneten bewirkt sofort eine reichhaltige Auskunft.

Ich wähle mir meine Fluglinie danach aus, ob sie mich als einen notwendigen Passagier betrachten oder als verehrten Gast. Da können die meisten europäischen Luftlinien noch viel von überseeischen Gesellschaften lernen. Ich fliege deswegen aus England nach Deutschland meist mit einer amerikanischen, australischen oder indischen Gesellschaft, die mir einen numerierten Sitzplatz reserviert hat, so daß ich mich nicht an jenem unwürdigen Wettlauf zwischen Flughalle und Flugzeug beteiligen muß, wobei übrigens auch gemogelt wird.

Wer ist eigentlich daran interessiert, die Mannschaft des Flugzeugs namentlich vorgestellt zu erhalten? Anstatt zu wissen, daß sich Fräulein Romy Ratzebalg um mein leibliches Wohl bemühen wird, möchte ich lieber wichtige Informationen, sagen wir, über die Verbindungen des nächsten Flughafens zur Stadt oder besondere Einrichtungen des Flughafengebäudes hören oder gar nichts. Einmal flog ich mit einer Mannschaft, deren Pilot "Kapitän Dr. von X." gewesen ist. Die ganze Ankündigung klang sehr nach einem Chirurgenteam, das den Chefoperateur und seine Assistenten vorstellte.

Mahlzeiten und zollfreier Einkauf werden desto stärker zu einem Problem, je schneller die innereuropäischen Flüge verlaufen. Hut ab vor den Stewardessen, die hier Marathonarbeit leisten und sich obendrein noch bemühen, die oft exzentrischen Wünsche mancher Passagiere zu befriedigen. Wer Flüge von ein- oder zweistündiger Dauer unternimmt, fragt sich heute immer wieder, warum er für eine Mahlzeit zahlen muß, die er gar nicht einnehmen möchte. Hier müßte dem Fluggast bei Lösung der Flugkarte die entsprechende Alternative gestellt werden. Schließlich sind die Mahlzeiten nicht immer lukullische Vergnügen; es hat sich längst herumgesprochen, daß man bei den Franzosen und Schweizern am besten speist.

Der Bedarf an zollfreien Waren ist enorm. Die zollfreien Einkaufsläden auf den meisten Flugplätzen sind eine große Hilfe. Im Flugzeug selbst herrschen neuerdings unerforschliche Regeln. Man kann nicht mehr erwerben, was die Zunge gern schmecken möchte, sondern muß meist außerordentliche Produkte oft unbekannter Tabak- oder Alkoholfirmen abnehmen. Die Nachfrage ist groß. Wer aber regelt den Bedarf und nach welchen Gesichtspunkten?