Wenn die beiden kommunistischen Rivalen, die sich am vergangenen Wochenende in Moskau "unentschieden" trennten, nur unter sich gewesen wären – vielleicht hätten sie Ansätze zu Kompromissen ausfindig gemacht, vielleicht wäre mehr als nur eine "Atmosphäre der Freimütigkeit und Kameradschaftlichkeit" zustande gekommen. China und die Sowjetunion aber fechten ihren Strauß nun zwar ohne Chruschtschows Ungestüm aus, doch immer noch inmitten einer kommunistischen Weltbewegung, eines Staatensystems, das sich jeder Art von Führungsansprüchen mehr und mehr entzieht. Die ideologischen Varianten sind dabei nur Chiffren des machtpolitisch Handgreiflichen. Vor den Türen der neuen sowjetischen Führung gaben sich die regierenden Parteiführer Osteuropas und die Chefs der westlichen kommunistischen Parteien viele Tage lang die Klinke in die Hand: längst nicht mehr als brave Satelliten, sondern als mündige, kritische Freunde, die mitreden wollen – oder sich höflich empfehlen.

Die fast unvermeidliche Inkonsequenz, die darin liegt, das Sowjetimperium in eine Art Commonwealth umwandeln zu müssen und doch den führenden Ton in der "Bewegung" angeben zu wollen, zwingt die sowjetische Politik seit langem zum Lavieren; das hat auch zu Chruschtschows Sturz beigetragen. Läßt sich aber die Einheit des Weltkommunismus (oder auch nur die des ost und westeuropäischen Kommunismus) aus dem Zerfall des Sowjetimperiums retten?

Breshnew versuchte in seiner programmatischen Rede bei der Revolutionsfeier die Frage, die seit 1956 ununterbrochen auf dem Kreml lastet, durch eine Formel zu beantworten, die stark an die aufsässige April-Erklärung der Rumänen anklang. "Wir sind der Ansicht", sagte er, "daß es falsch wäre, die Erfahrungen irgendeiner Partei und eines Landes anderen Parteien und anderen Ländern aufzuzwingen. Die Wahl dieser oder jener Formen und Methoden des sozialistischen Aufbaus ist das souveräne Recht jedes Volkes." Doch so wörtlich das auch in manchen osteuropäischen Hauptstädten genommen wird, so wenig ist diese Formel geeignet, für Peking eine Brücke zu bauen.

Während Breshnew mit – wie die Prawda schrieb – "geringerem äußerlichem Tamtam" Chruschtschows Linie der Koexistenz, der äußeren und inneren Entspannung, fortzusetzen sucht, beharrt Peking nicht minder fest auf seinen Positionen. Während Tschu En-lai in Moskau konferierte, benutzten die Chinesen aufs neue ihr altes albanisches Sprachrohr Zeri i Popullit in Tirana. "Die Kommunisten der Sowjetunion müssen ihre Partei auf den Weg Lenins und Stalins zurückführen", hieß es da am 8. November, nachdem das Blatt am 22. Oktober noch einmal die "berüchtigte friedliche Koexistenz" verworfen und festgestellt hatte: "Das Verschwinden Chruschtschows von der politischen Bühne bedeutet noch nicht das Verschwinden des Chruschtschowschen Revisionismus."

Der Streit ist also offensichtlich nur in jenes frühere Stadium zurückgekehrt, da man einander noch nicht mit Schimpfworten belegte. Hatte Chruschtschow die Einheit (wie er sie verstand) auf Kosten eines endgültigen Schismas erzwingen wollen, so fördert jetzt der Versuch, zu milderen Formen des Konflikts zurückzukehren, nur noch mehr die zentrifugalen Tendenzen. Es ist übrigens unsicher, ob und wann es noch zu einer Weltkonferenz der Parteien kommt. Die Parteien selber suchen derweil das Heil in kräftigen Regungen ihres Eigenwillens, allen voran die westlichen.

Die Italiener sehen sich in ihrem durch Togliattis Testament vorgezeichneten Kurs gerade dadurch bestätigt, daß ihnen in Moskau keine ganz befriedigende Auskunft zuteil wurde. Die französischen Kommunisten verkündeten, daß es keinen "ideologischen Kompromiß" mit Peking geben könne. Schärfer noch meldeten sich die kleinen Parteien zu Wort, wie etwa die österreichische oder die schwedische, deren fast schon titoistisch orientierter Chef Hermannsson jede kommunistische Weltkonferenz und jede dabei ausgehandelte gemeinsame Plattform einfach als "wertlos" abtat: Die Unterschiede zwischen den Parteien seien schon viel zu groß.

Dort, wo Kommunisten regieren, gehen sie auf andere Art ihrer Wege. Die Rumänen tun in ihren Zeitungen und Reden so, als sei in Moskau überhaupt nichts geschehen. Bulgariens Parteichef Schiwkoff, der mehr als jeder andere von Chruschtschow abhängig war, hat sich schnell vom ersten Schreck erholt – und alsbald seinen Reformweg weiterbeschritten. Kadar, der den Ungarn zurief, sie brauchten sich wegen ihres früheren Beifalls für Chruschtschow nicht zu genieren, zeigt sich entschlossen, kein Jota an seiner Linie zu ändern, die auf dem Grundsatz beruht: Wer nicht mein Feind ist, ist mein Freund. Die Balkanländer wollen sich im übrigen ihre gerade erst wieder angeknüpften Bande zu Belgrad nicht verwirren lassen.