"Offen und kameradschaftlich" – mit diesen Worten pflegt die sowjetische Propaganda den Mißerfolg ideologischer Gespräche zwischen kommunistischen Bruderparteien zu umschreiben. Diesmal wurden sie gebraucht, um das dürftige Ergebnis der Konferenz zu vertuschen, zu der sich der chinesische Ministerpräsident Tschu En-lai acht Tage lang im Kreml aufhielt.

Immerhin scheinen sich die Rivalen so weit einig zu sein, daß sie im Gespräch bleiben wollen. Angeblich ist für nächstes Frühjahr ein Treffen in Peking vorgesehen. Europäische Kommunistenführer, die jüngst in Moskau waren, berichteten, daß die von Chruschtschow für den 15. Dezember einberufene Konferenz von 26 kommunistischen Parteien verschoben wird. Bei dieser Versammlung sollte jene Weltkonferenz vorbereitet werden, die Mao Tse-tung aus dem kommunistischen Lager ausgestoßen hätte.

Währenddessen ging der Propagandakrieg lustig weiter. Die "Prawda" lobte die friedliche Koexistenz mit den Westmächten, während die chinesische Presse Präsident Johnson als "blutdürstigen Imperialistenhäuptling" beschimpfte. Radio Tirana, Pekings Sprachrohr in Europa, eröffnete einen kecken Angriff: Nach dem Sturz Chruschtschows müßten seine Nachfolger nun auch Stalin rehabilitieren.

Kaum hatte Tschu Moskau verlassen, erschien dort eine inoffizielle Publikation mit Polemiken gegen China, darunter ein Artikel des italienischen KP-Führers Luigi Longo. Vielleicht war diese gezielte Veröffentlichung ein Zeichen, wie wenig kompromißbereit sich die Chinesen gezeigt hatten.

Trotz der allgemeinen Enttäuschung über den ungelösten Zwist mit Peking wissen die osteuropäischen Staaten das Beste aus der Situation zu machen. Zum Beweis ihrer politischen Bewegungsfreiheit wollen die Regierungschefs Polens und Ungarns, Gomulka und Kadar, im nächsten Jahr Paris, der rumänische Regierungschef Maurer London und Washington besuchen.