Von Horst Vetten

Beharrlichkeit oder wahlweise auch Flexibilität bundesdeutscher Politiker angesichts bevorstehender Wahlen hat sich in den letzten Wochen nicht nur am Getreidepreis und der multilateralen Atomstreitmacht erwiesen, sondern schlicht und leise auch am Sport. In der Bad Godesberger Stadthalle, Geburtstätte gleichnamigen SPD-Programms, sah sich die Oppositionspartei letzte Woche genötigt, ihre Attacke nach dem Sportminister a) stillschweigend zu beenden und b) dieser Aktion dennoch den Anschein zu geben, als sei es ein Parforceritt.

Dieser gewiß nicht leichten Aufgabe unterzogen sich mannhaft die stellvertretenden Vorsitzenden der Partei, Fritz Erler und Herbert Wehner. Als politischer Ersatzmann sprang ihnen ein Mann aus dem Sport bei: Friedel Schirmer, Trainer der in Tokio so überaus erfolgreichen deutschen Zehnkämpfer.

Dieser Friedel Schirmer war es auch gewesen, der etliche Wochen vor den Olympischen Spielen für die SPD das Terrain sondiert hatte. Unter dem Eindruck bundesrepublikanischer Sportschlappen gegen die athletischen Kader der DDR forderte er in der sozialdemokratischen Hauspostille "Vorwärts", ein Sportminister müsse her, damit dem dezentralisierten bundesdeutschen Sportwirrwarr endlich ein regierungsgesteuertes Ende bereitet werde.

An dieser Tatsache erwies sich jedoch aufs neue, daß gelegentlich jener eine Sache am wenigsten überschauen kann, der mittendrin steht. Schirmer fiel, wie es seine näheren Sportfreunde deftig ausdrückten, mit dieser Forderung "auf den Bauch", damit natürlich auch die SPD, und den Regierungsparteien war willkommener Anlaß gegeben, feierlicher als nötig zu bekunden: Frei bleibe der Sport.

Der Sportminister – niemand weiß das jetzt besser als Schirmer und die SPD – ist nämlich eine unpopuläre Sache, keiner will ihn. Kein Wunder, daß die Regierungsparteien fleißig von der Wahlmunition verschossen, die ihnen die SPD gratis und frei Haus geliefert hatte. Den Sozialdemokraten blieb zum Schluß nichts anderes übrig, als stille zu halten und sich – wenn es gar zu bunt wurde – in düsteren, aber Fachkunde verratenden Andeutungen zu ergehen: "Nach den Spielen reden wir weiter."

Bekannterweise trug sich dann in Tokio zu, was jeden tieferdenkenden Deutschen erstaunt in sein Inneres horchen ließ: Zwei Herzen klopften in seiner Brust. So sehr sich jedermann über jede Medaille freuen mochte, so sehr mußte ihn gleichzeitig betrüben, daß just diese Erfolge daheim gar zu große Zufriedenheit auslösen und dringend nötigen Fortschritt verhindern könnten. Was jedoch die sozialdemokratischen Rufer nach dem Minister anlangte, so gerieten sie mit jeder Medaille weiter in die Wüste.