HAMBURG (Kunstverein): "Albert Marquet"

Man soll von dieser ersten großen Marquef-Ausstellung in Deutschland keine bestürzenden oder sensationellen Einsichten erwarten. Marquet ist kein verkanntes Genie, das nachträglich (er lebte von 1875–1947) auf die ihm vorenthaltene Rangstelle gebracht werden müßte, die Franzosen wissen längst, was sie an ihm haben. Sein Werk bietet auch keinerlei aufregende Parallelen zu jüngsten Tendenzen, die ihm das so sehr erwünschte Air des "Aktuellen" verschaffen könnten. Eine Odilon-Redon-Retrospektive, die noch kein deutscher Kunstverein und kein Museum geplant hat, wäre in dieser Hinsicht ergiebiger. Trotzdem lohnt der Aufwand und die sehr erhebliche Mühe, die Bilder von Marquet aus der ganzen Welt, sogar aus den Museen von Ottawa und Chicago, zusammenzuholen (die späten Bilder kommen vorwiegend aus dem Pariser Nachlaß). Es lohnt aus drei Gründen: Die Ausstellung bringt eine Reihe wundervoller Bilder vorwiegend des frühen Marquet. Sie zeigt weiter die sehr wichtige und bisher unterschätzte Rolle, die Marquet für den Fauvismus gespielt hat. Schließlich kann man die in Deutschland unbekannten späten Bilder als Antwort auf eine heikle und nicht nur psychologisch interessante Frage verstehen, die sich bei vielen Künstlern einstellt, die genial angefangen haben: wie nämlich ein Maler weiter arbeitet, wenn seine große Zeit vorüber ist. Der abgebildete "Akt" ist 1898 entstanden, als Marquet zusammen mit Matisse im Atelier Moreau arbeitete – der Maler mit dem Strohhut ist wahrscheinlich Matisse. Das Bild ist unter dem Titel "Nu, du Fauve" in die Kunstgeschichte eingegangen als das erste Manifest des Fauvismus. Ein Hintergrund aus farbigen Pinselhieben und Tupfen, die Figuren auf farbige Valeurs reduziert, die gegen den Augenschein, gegen eine impressionistische und eine akademische Tradition in malerischer Ekstase gesteigert werden. Marquet war kein fauvistischer Mitläufer. Seine Bilder vor und unmittelbar nach 1900, die Akte, die Ansichten von Paris, der "Sergeant der Kolonialtruppe", geben ihm die Rolle des Initiators einer Bewegung, der man so hinreißende Bilder verdankt, daß man wünschen möchte, der Kubismus wäre ein paar Jahre später ausgebrochen und hätte den Fauvismus nicht so rasch und so gründlich abgelöst. Aber Marquet malte 1905, als die Fauvisten zum erstenmal offiziell in Erscheinung traten, schon gänzlich andere, nämlich graue Bilder. Er entdeckte seine Liebe für die Häfen, für das dunstig Verschleierte, aus dem Schlepper, Brücken, Speicher klar und kontrastreich auftauchten. Er fuhr nach Le Havre und Fécamp und auf Rat von Ahlers-Hestermann, der ihm in Paris den Hamburger Hafen schilderte, sogar nach Hamburg – sieben Hamburg-Bilder und Dutzende von Zeichnungen hängen als eine lokalpratriotische Attraktion in der Ausstellung des Kunstvereins. Nach 1910 werden die Bilder wieder farbiger, auch unpersönlicher. Die Grenzen seines Talents kommen zum Vorschein, aber auch die Vorzüge einer Ernüchterung: Zuverlässigkeit, die Distanz zum Objekt wird größer, das Emotionale zurückgedrängt. Die Ausstellung ist nur in Hamburg zu sehen, bis zum 10. Januar.

MÜNCHEN (Staatliche Graphische Sammlung):

"Graphik des Ulmer Museums"

Bis Ende November ist das Ulmer Museum mit seiner modernen Abteilung in München zu Gast – in Ulm können die Blätter, weil die Räume knapp sind, immer nur von Mitte Juli bis Ende September gezeigt werden. In zwölf Jahren hat Museumsdirektor Herbert Pée diese Sammlung aufgebaut. Sie könnte als Muster für andere Museen dieser Größenordnung gelten, die mit relativ bescheidenen Mitteln moderne Kunst sammeln wollen. Pée hat gar nicht erst versucht, Bilder und Skulpturen zu erwerben. Er hat sich auf Druckgraphik beschränkt, bei den wichtigsten Künstlern hat er auch Zeichnungen und Aquarelle genommen. Die Sammlung beginnt um 1890 bei Gauguin, Bonnard, Redon und endet mit Wols, Grieshaber, Bissier. Sie besteht aus knapp 150 Blättern. g. s.