Von Hildegard Hamm-Brücher

Die offizielle bildungspolitische Diskussion in der Bundesrepublik neigt gelegentlich zu einem teils ängstlichen, teils selbstgefälligen Isolationismus. Vergleiche mit Bildungseinrichtungen anderer Staaten werden entweder rundweg als unbrauchbar abgelehnt oder doch so skeptisch beurteilt, daß diesbezügliche Bemühungen wenig Resonanz finden.

Ich bekam dies bereits bei den Vorbereitungen zu meiner Studienreise in die Sowjetunion zu spüren: Selbst wohlmeinende Freunde rieten dringend davon ab; einmal, weil man mein Vorhaben politisch mißverstehen könne, und zum anderen, weil es bereits eine Menge Fachliteratur gäbe, aus der man alle erforderlichen Informationen herauslesen könne.

Wenn ich dennoch gefahren bin, so deshalb, weil ich, allen gutgemeinten Vorhaltungen zum Trotz, internationale Bildungsvergleiche für nötig und nützlich halte; nicht, um sie blindlings verherrlichen oder kopieren zu wollen, sondern, um daran die eigene Position abwägend zu überprüfen.

In diesem Sinne also habe ich – gut präpariert mit Hilfe besagter reichhaltiger Fachliteratur – fünfzehn harte Arbeitstage lang die pädagogischen Provinzen der Sowjetunion planvoll durchwandert; habe allgemeinbildende Schulen, Internate und Tagesheimschulen besichtigt; mit Schulmännern (und -frauen), Wissenschaftlern, Eltern und Kindern gesprochen, Abendschulen in Theorie und Praxis kennen und den Idealismus für das Fernstudium verstehen gelernt. Ich war nicht nur in den Weltstädten Moskau und Leningrad, sondern auch im zentralasiatischen Taschkent, in der Provinzstadt Fergana und in einem abgelegenen Kolchos mit dem Namen "Leningrad", um auch ausgesprochene Landschulen kennenzulernen.

Ich habe Kinder bei "gesellschaftlich nützlicher Arbeit" beobachtet und Jugendliche bei der schulinternen Ausbildung an elektronischen Rechenmaschinen. Ich habe mich alles in allem für eben die Probleme interessiert, die auch die westdeutschen Bildungspolitiker nicht mehr zur Ruhe kommen lassen: für Begabtenfindung und -förderung, für Bildungsforschung und Bildungsplanung, für Allgemeinbildung und Berufsbildung, für Fragen des wissenschaftlichen und technischen Nachwuchses, für Schulbücher und Fremdsprachenunterricht.

Es ist mir klar, daß alle noch so sorgfältig gesammelten Informationen und Eindrücke keine lückenlose Fach-Expertise darstellen und kein endgültiges Urteil erlauben. Aber vielleicht können sie doch den Grundstock zu einer Bestandsaufnahme bilden.