LES ADIEUX oder

Stück von Konrad Wünsche

Theater im Schloß, Darmstadt

Am Darmstädter Landestheater, auf dem letzten deutschen "Nudelbrett", bringt es Gerhard F. Hering fertig, eine zehnjährige Sellner-Tradition des literarisch anspruchsvollen Schauspiels nicht verbleichen zu lassen, sondern sie auf eigenwertige Weise fortzusetzen. Hering hat sich einen deutschen Hausautor erwählt: Konrad Wünsche. Ihm räumte Darmstadt schon den dritten Uraufführungsabend ein. Das ist ein schöpferisches Abenteuer. Es kann so ergebnislos verlaufen wie die Göttinger Bemühungen Heinz Hilperts um Erwin Sylvanus. Es können allmählich aber auch Frücl... wie in Zürich reifen. Als der ehemals Darmstädter Dramaturg Kurt Hirschfeld vom Zürcher Schauspielhaus aus den schreibenden Architekten Max Frisch anregte, aus seiner Erzählung "Santa Cruz" doch mal ein Bühnenstück zu machen, ahnte niemand, daß dieser Frisch einmal "Andorra" schreiben könnte. Auch die Dürrenmatt-Erfolge sind auf Zürich nicht als Genieblitze niedergegangen. Aufführungen bildeten das Studio für den Autor.

Von Konrad Wünsche hat Hering in Darmstadt zunächst zwei Einakter vorgestellt, die mit Bühne noch wenig zu tun hatten. Mit dem abendfüllenden Schauspiel "Der Unbelehrbare" durfte Darmstadt dann bereits bei den Berliner Festwochen 1964 gastieren. Die dritte Uraufführung fand jetzt im Studio des Landestheaters statt. Die Veranstaltung mag den Autor belehren. Er ist nämlich rückfällig geworden. Er kann nicht lassen von dem, was ihm poetisch erscheint: surrealistische Assoziationen, wilde Metaphern, szenische Konstellationen, in denen konsequent aneinander vorbeigeredet wird, was dem Autor Wünsche als Ausdruck individueller Einsamkeit und einer verwünschenswerten Weltkonstellation erscheinen mag.

Doch enthält dieses einstündige "Stück in zwei Handlungen" einen ersten Teil, auf den man den Autor festlegen muß. Da sitzen in einem Keller zur Zeit der napoleonischen Völkerschlacht bei Leipzig zwei, dann vier Personen. In deren Gesprächen beweist Wünsche aufs neue, daß er szenische Wirkung aus Sprache hervorrufen kann. An einem historischen Beispiel gelingt es ihm außerdem zu zeigen, was Krieg, Kellerdasein, Verlassenheit des einzelnen auch heute bedeuten. Diesen Weg sollte Wünsche weitergehen. Was er als zweiten Teil, der zeitlich vorher spielt, angehängt hat, ist literarische Operette.

Hans Schirks Begabung, Menschen zu führen, bestätigte sich an Werner Kreindl (obwohl dieser zuweilen ein wenig "drückte"), an der Stummen von Ellen Krug und an Maria Kayssler. Die übrigen Schauspieler blieben befangen in ihren skizzenhaften Rollen. – Ein Blick in den prominent besetzten Zuschauerraum lehrte, wie der Anspruch bereits hochgespielt worden ist. Nach diesem Intermezzo muß die nächste Wünsche-Premiere ein schlüssigeres Ergebnis haben. Johannes Jacobi