"Sie werden das Ergebnis in einigen Monaten sehen", sagte Konrad Adenauer, als er sein Pariser Gespräch mit Charles de Gaulle hinter sich hatte. Ein Ergebnis jedoch stand schon einen Tag nach seiner Rückkehr fest: Der Fraktionsvorstand der CDU/CSU im Bundestag erklärte, "wegen schwebender Verhandlungen" habe die Bundesregierung keinen Anlaß, auf die Beschleunigung der MLF zu drängen. Vor wenigen Wochen noch war in Bonn zu hören, der Vertrag über die gemeinsame Atomflotte müsse bis Weihnachten unter Dach und Fach sein, selbst wenn zunächst nur Amerikaner und Deutsche allein unterzeichnen müßten.

Hatte de Gaulle, der geschworene Gegner dieser "nuklearen Fremdenlegion", auf Adenauer eingewirkt? Etwa nach dem Motto: Stör Du nicht meine Atompolitik, so störe ich nicht Deine Getreidepreise Bundesaußenminister Schröder dementierte alle Gerüchte über ein. deutsch-französisches Geheimabkommen. Adenauer habe keinen offiziellen Auftrag gehabt, über ein Stillhalten in der EWG-Getreidepreisfrage zu verhandeln.

Für den seltsam formulierten Entschluß der CDU/CSU gab es in Bonn zwei Erklärungen. Die erste: die Bundesregierung habe es nicht mehr so eilig wie vor sechs Wochen, als sich Chruschtschow in Bonn angemeldet hatte (den der Kanzler gern vor vollendete Tatsachen gestellt hätte). Der zweite: die neue britische Regierung müsse sich erst über ihre Haltung zur MLF schlüssig werden.

Wie sich die Labour-Regierung das MLF-Projekt vorstellt, konnte Außenminister Schröder aus dem Munde seines Kollegen Patrick Gordon Walker hören, der zur WEU-Konferenz in die Bundeshauptstadt gekommen war. Gordon Walker hoffte in Bonn auch den französischen Außenminister Couve de Murville zu treffen, der jedoch fernblieb.

Zwar waren Gordon Walkers Vorschläge noch sehr unverbindlich, aber einiges Konkretes ist in der britischen Presse doch schon durchgesickert. Die Briten wollen die geplante MLF (25 Schiffe) um die Hälfte verringern und einer NATO-Atommacht außer den Polaris-Schiffen mit den national-gemischten Besatzungen auch amerikanische und britische Polaris-U-Boote, strategische Bomber und landgebundene Raketen eingliedern. In dieser verwandelten NATO-Abschreckungsmacht würde England, das dann auf eine eigene Nuklearwaffe verzichtete, eine viel bedeutendere Rolle spielen als in der MLF, der deutsche Einfluß aber würde relativ gering. Außerdem wünschen die Briten ein narrensicheres Kontrollsystem, damit die Deutschen niemals die Hand am Atomdrücker haben.

Bonn und Washington wollen den Briten ein paar Wochen Zeit lassen, ihre Vorstellungen zu präzisieren. Sie sind in ihren Bekundungen beide etwas zurückhaltender geworden, aber ihr Herz hängt noch immer an den bisherigen Plänen. Bundesverteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel ging letzte Woche in einem amerikanischen Hafen demonstrativ an Bord des Zerstörers Claude V. Ricketts, der als Versuchsschiff für die MLF eine gemischtnationale Besatzung aus sieben NATO-Ländern hat. Auch im Rüstungsgeschäft gab der Minister zu verstehen, mit welchem Partner der NATO die Bundeswehr am engsten zusammenwirken will: Er vereinbarte den Ankauf von 200 US-Hubschraubern und drei Lenkwaffen-Zerstörern und die gemeinsame Entwicklung eines senkrechtstartenden Flugzeuges.

Wer trotz dieser Bekundung deutschamerikanischer Waffenbrüderschaft an der Entschlossenheit der USA zur Verteidigung Westeuropas noch immer zweifelte, konnte sich beim stellvertretenden US-Außenminister Ball Trost holen, der in Berlin und Bonn abermals die US-Garantien erneuerte: "Unsere strategische nukleare Stärke ist zur Verteidigung unserer europäischen Verbündeten ebenso verpflichtet wie zu unserer eigenen Verteidigung. Denn diese beiden sind unteilbar."