Von Walther Weber

Die Nachricht war eine echte Sensation. Sie traf erfahrene Börsianer und Kleinaktionäre gleichermaßen überraschend. "Die Deutsche Erdöl-Aktiengesellschaft, Hamburg (kurz DSA genannt), rechnet damit, die Dividende für 1964 senken zu müssen." So stand es nüchtern und ungeschminkt, nach einer dreieinhalbseitigen Schilderung der Lage, am Dienstag vergangener Woche in einem Brief der DEA an ihre rund 40 000 Aktionäre.

Der Schock für die Börse, die sich lange an den Chancen einer Erdgashausse in der Nordsee berauscht und die Kurse hochgetrieben hatte, war groß, Innerhalb von 24 Stunden sackten die Kurse der Deutschen Erdöl um rund 20 Prozent. Aktionäre, die sich am Elften im Elften von ihrem Papier getrennt haben, mußten enttäuscht registrieren, daß sie je tausend Mark Nennwert rund 400 Mark eingebüßt hatten.

Drei Tage dauerte es, bis die beträchtlichen Verkäufe aufgeschreckter Aktionäre nachließen und auch die in Mitleidenschaft gezogenen anderen Erdöl- und Erdgaswerte wieder leicht anzogen. Damit war die nervöse Reaktion des gutgläubigen DEA-Publikums, das sich fest darauf verlassen hatte, daß ihre Gesellschaft die Dividende eher erhöhen als senken würde, vorüber. Doch das Vertrauen und die "Zufriedenheit der Aktionäre", von der die Wirtschaftspresse nach der letzten Hauptversammlung im Juni berichtet hatte, war nicht wieder gewonnen.

Die Anteilseigner, die 1962 eine Kürzung der Ausschüttung um zwei auf zwölf Prozent erleben mußten und dennoch ihrer Gesellschaft bei den folgenden Kapitalerhöhungen zum Kurs von 130 Prozent die Treue hielten, waren nicht nur enttäuscht. Viele fühlten sich getäuscht.

"Das ist schlechter Stil" war eines der oft gehörten Argumente. "Solange man unser Geld bei Kapitalerhöhungen braucht, ködert man uns mit guten Nachrichten. Erst dann erfahren wir die bittere Wahrheit", klagen andere.

"Hat man das wirklich nicht vorher gewußt?" fragten Kritiker, die sich daran erinnerten, daß die Geschäftsleitung noch im Mai von einer unveränderten Dividende auf das um fast 40 auf 357 Millionen Mark erhöhte Grundkapital gesprochen hatte. "Wahrlich, unter freimütiger Publizität verstehen wir etwas anderes", murrten Enttäuschte, die vor allem bemängelten, daß sie zu spät unterrichtet wurden. Tatsächlich hatten die Wirtschaftszeitungen Vorexemplare des Aktionärsbriefes erhalten. "Eile war geboten" entschuldigt man sich bei der DEA. Die Energiedebatte im Bundestag stand bevor.