Von Willi Bongard

Und wie haben Sie sich auf diese Reise vorbereitet?" Mein Gegenüber im Wartesaal des Kopenhagener Flughafens klappte seinen schwarzen Aktenkoffer "Marke Manager" wieder zu, streichelte liebevoll darüber und blickte mich erwartungsvoll an. Er hatte sich mit vielen bunten Prospekten, Stadtplänen, Reiseführern, Mehnerts "Sowjetmensch", einem Leitfaden "Mit den Russen am Verhandlungstisch" nebst "30 Stunden Russisch für Anfänger" eingedeckt.

Ich kramte leicht verschämt meinen Baedeker hervor, ein vergilbtes Exemplar mit Modergeruch: "Rußland", 6. Auflage, Leipzig 1904. Ich wußte, daß ich ein mitleidiges Lächeln ernten würde. Mit einem Baedeker aus dem Jahre 1904 in die Sowjetunion von 1964?

Zugegeben, der Hinweis, daß in Rußland der Julianische Kalender gilt und unsere Zeitrechnung der russischen um 13 Tage voraus ist – "Der 1. Januar in Rußland ist bei uns der 14." – ist überholt, ebenso wie die Feststellung "Das russische Reich ist eine völlig uneingeschränkte Monarchie." Die Zeiten haben sich geändert – und mit ihnen vor allem der Wechselkurs: Einhundert Rubel kosteten damals 216 Reichsmark – gegen 440 DM heute.

Sonst aber gibt der alte Baedeker selbst für dieses Land manchen Wink, der auch heute – 60 Jahre danach – überraschend aktuell ist oder doch zumindest Gelegenheit zu reizvollen Vergleichen bietet.

"Die Kosten einer Reise in Rußland sind wesentlich höher als in Mitteleuropa." Daran hat erwarte nicht das Wunder eines Rebhanges im ewigen Eis, sondern begnüge sich mit den sehr hochgelegenen Weinkellern des "Val d’Annivier", in denen der Saft der "Rèze-Trauben" zum "Vin des Glaciers" wird, der sich und seinen Freunden von der alpinen Lagerung einen besonderen Genuß verspricht...."

... Am Bieler und Neuenburger See, wo die "Twanner" und "Neuenburger" wachsen, spritzige Weißweine, die trotz ihrer Gutedelreben einen Hauch vom Temperament der Moselweine haben...