Eine kaum bekannte Antwort des Bonner Dekans an Thomas Mann, mitgeteilt von Karl Otto Conrady

Zur Klärung und Dokumentation der Vorgänge um die Aberkennung der Ehrendoktorwürde Thomas Manns ist folgendes Nachspiel interessant. Karl Justus Obenauer, der als Dekan der Bonner Philosophischen Fakultät jene "trübselige Mitteilung" vom 19. 12. 1936 ausgefertigt hat, hat auf den großen Antwortbrief Thomas Manns vom Neujahr 1937 nämlich geantwortet; nicht in offizieller Eigenschaft als Dekan, das schien ihm unmöglich zu sein, sondern in einer Glosse in der von ihm mitherausgegebenen "Zeitschrift für deutsche Bildung".

Im April 1937 erschien in der Zeitschrift "Geist der Zeit – Wesen und Gestalt der Völker" (das ist eine neue Folge von "Hochschule und Ausland") ein nicht gezeichneter Artikel unter der Überschrift "Tonio Kröger in der Emigration". In ihm wird in der Gestalt des Tonio Kröger der ausgebürgerte Dichter selbst zu erkennen und zu treffen gesucht: Zitate aus der Novelle werden verwoben mit polemischen Erläuterungen.

Das beginnt mit dem Text der Dichtung: "Er war berauscht von dem Feste, an dem er nicht teilgehabt, und müde vor Eifersucht. Wie früher, ganz wie früher war es gewesen! Mit erhitztem Gesicht hatte er an dunkler Stelle gestanden, in Schmerzen um euch, ihr Blonden, Lebendigen, Glücklichen, und war dann einsam hinweggegangen..."

Danach der Kommentar aus aktuellem Anlaß: "Tonio Kröger war abseits gestanden, dann war er weggegangen. Mit dem Alter hatte sich seine Eifersucht in Haß verwandelt. Die Künstler nannten ihn einen Bürger, aber den Bürgern war er nicht geheuer. Sie mißtrauten seinem gesunden Menschenverstand. Er wechselte so oft seine Meinung über Angelegenheiten, die ihre Bürgerrechte betrafen. Er war so anspruchsvoll, so rechthaberisch, so papistisch! Einem Künstler würden sie Flatterhaftigkeit gern verzeihen, doch sollte der die Bürger in Ruhe lassen. Tonio aber wollte Künstler und Bürger zugleich sein – und dies mißriet ihm nun leider. So kam es, daß er nach seinem Brief an Lisaweta Iwanowna, seine Freundin, den er in seiner Jugend geschrieben hatte – einen zweiten Brief verfaßte, an den Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn, in dem er ‚berauscht von dem Feste, an dem er nicht teilgehabt, und müde vor Eifersucht‘ glaubte antworten zu müssen auf die Aberkennung des Ehrendoktors dieser Fakultät nach seiner Ausbürgerung aus dem Verbände des Deutschen Reiches."

An diesen Aufsatz knüpft K. J. Obenauer an (Zeitschrift für deutsche Bildung 13, 1937, S. 422), und hier schreibt er die Antwort, die für ihn als Dekan unter seiner Würde war. Zunächst zitiert er ausführlich aus dem Artikel in "Geist der Zeit", dann spricht er in eigenem Namen, um endlich sogar den verfemten Dichter direkt anzureden, der 1936 die ihm angetragene tschechoslowakische Staatsbürgerschaft angenommen hatte. Um der zeitgeschichtlichen Dokumentation willen seien Obenauers Worte ungekürzt wiedergegeben:

"Der Dekan der Philosophischen Fakultät in Bonn konnte auf den oben erwähnten Brief von Thomas Mann, die seine Antwort auf Ausbürgerung und notwendige Aberkennung seiner Ehrentitel sein sollte, nicht erwidern: es ist natürlich unter der Würde jeder amtlichen Stelle, auf Schmähschriften zu antworten, die vor ihrem Erscheinen schon im ‚Pariser Tageblatt‘ als Tat eines ‚deutschen Patrioten‘ bekanntgemacht und den amtlichen Stellen zugeschickt wurden. Wir haben deshalb über diesen Brief geschwiegen, mit dem Thomas Mann heute im gesamten Ausland gegen uns Stimmung zu machen sucht. Nur auf die obige Antwort eines gleichsam unbeteiligten Schriftleiters sei hier kurz verwiesen: sie hält in dem Bild des abseits stehenden Tonio Kröger die Erinnerung an den Thomas Mann einen Augenblick fest, den man als spätbürgerliche Zeiterscheinung, als Erscheinung eines bewußt festgehaltenen Verfalls und Endes, noch ernst nehmen konnte. Sie deutet in diesem Bild zugleich an, wie Thomas Mann schon immer draußen stand, und wie bei allem Wandel seiner politischen Anschauungen an diesem nichts zu ändern war.