In einem Kommentar vom 11. November meint die Süddeutsche Zeitung, die Gefühle eines Menschen, der sich auf der Bühne dargestellt sehe, "hängen vermutlich davon ab, wie er dabei wegkommt. Es wurde jedenfalls noch nicht erhört, daß sich ein derart Porträtierter über eine Verzeichnung zu seinen Gunsten beschwert hätte".

Die Süddeutsche Zeitung bietet noch eine zweite Vermutung an: "Womöglich sieht der voll Rehabilitierte seinen Fall heute anders, als er ihn noch vor einem Jahr sah, bevor ihm Präsident Johnson, in Erfüllung des Wunsches von John F. Kennedy, den Enrico-Fermi-Preis verlieh."

Grob ausgedrückt: bare Eitelkeit oder Unaufrichtigkeit, die sich vielleicht sogar der Korruption nähert. So einfach darf man es sich nicht machen. Denn einem Mann wie Oppenheimer sollte man nicht billige oder subalterne Motive unterstellen – zumal andere auf der Hand liegen.

Alle in Kipphardts Stück erscheinenden Tatsachen sind zwar der historischen Wirklichkeit entnommen, aber er hat diese Wirklichkeit verändert und umgewandelt. Was sich im Frühjahr 1954 vor der Atomenergiekommission der Vereinigten Staaten abgespielt hat, wurde von ihm konzentriert, oft anders angeordnet und oft anders formuliert. Er bemüht sich – laut eigener Aussage – "die Worttreue durch Sinntreue zu ersetzen". Es schienen ihm auch "einige Ergänzungen und Vertiefungen erforderlich".

Aus den drei Verteidigern Oppenheimers macht er zwei, aus den vierzig Zeugen, die damals gehört wurden, macht er sechs. Er läßt seine handelnden Personen Monologe sprechen, die er versucht, "aus der Haltung zu entwickeln, die von den Personen im Hearing und bei anderer Gelegenheit eingenommen wurde". Er läßt den Physiker Edward Teller Gedanken vorbringen, die dieser in Wirklichkeit nicht vor der Atomenergiekommission, sondern in Reden und Aufsätzen geäußert hat. Und er läßt Oppenheimer ein Schlußwort sprechen, das von ihm nie gesprochen wurde.

Dies alles und manches andere hat Kipphardt getan, weil er – wie er ausdrücklich betont – dem Ratschlag Hegels folgen wollte, der in seiner Ästhetik dem Dramatiker empfahl, den "Kern und Sinn" einer historischen Begebenheit aus den "umherspielenden Zufälligkeiten und gleichgültigem Beiwerke des Geschehens" freizulegen, "die nur relativen Umstände und Charakterzüge abzustreifen und dafür solche an die Stelle zu setzen, durch welche die Substanz der Sache klar herausscheinen kann".

Aber ein J. Robert Oppenheimer oder ein Edward Teller, von denen der Bühnenautor die "nur relativen Umstände und Charakterzüge" abgestreift hat, sind nicht mehr identisch mit den realen Gestalten. Und können es auch nicht sein.