Es ist daher nicht verwunderlich, daß Oppenheimer weder sich noch andere in dem Stück auftretende Persönlichkeiten wiedererkennen kann. Daß er die Änderungen als "Improvisationen" empfindet. Daß er gegen eine Bühnengestalt Einspruch erhebt, die den Namen J. Robert Oppenheimer trägt und deren Äußerungen und Reaktionen mit den seinigen sehr viel gemein haben, aber doch nie ganz übereinstimmen. Also: ein verständlicher, ein berechtigter Protest.

Hat somit der Autor Kipphardt falsch gehandelt?

Er war nicht um eine Montage von historischen Zeugnissen bemüht, sondern – so seine Gattungsbezeichnung – um ein "Schauspiel, frei nach den Dokumenten". Er beabsichtigte, "ein abgekürztes Bild des Verfahrens zu liefern, das szenisch darstellbar ist, und das die Wahrheit nicht beschädigt". Wollten wir dem Bühnenautor – schreibt Kipphardt in der Welt vom 11. November – das Recht bestreiten, das dokumentarische Material zu verwandeln, "dann würden wir der Bühne das Recht auf die Behandlung der Zeitgeschichte bestreiten".

Vor allem aber erklärt er: "Wenn die Wahrheit von einer Wirkung bedroht schien, opferte ich eher die Wirkung." Niemand konnte bisher beweisen – auch Oppenheimer nicht –, Kipphardt sei von diesem seinem Grundsatz in irgendeinem wesentlichen Punkt abgewichen. Er hat überdies sowohl im Programmheft als auch in der gedruckten Fassung des Stückes – in der Novembernummer der Zeitschrift Theater heute – eindeutig auf die Änderungen hingewiesen, die er für statthaft und nötig hielt.

Ist also Kipphardt in bester Ordnung? Ja, fast – aber doch nicht ganz.

Im Augenblick, da er seinen den realen Persönlichkeiten zwar treu nachgebildeten, jedoch nicht kopierten, sondern – glücklicherweise – retuschierten und konzentrierten und natürlich auch simplifizierten Bühnenfiguren die wirklichen Namen ihrer lebenden Vorbilder gab, ermöglichte er das Mißverständnis, er habe die vollkommene Übereinstimmung des szenischen Geschehens mit der historischen Realität angestrebt, während es ihm ja, wie es sich für einen Dramatiker gehört, um "Kern und Sinn" der Angelegenheit ging. Indem er für seine Figuren die wirklichen Namen verwendete, hat er, befürchte ich, in einem tieferen Sinne die Wahrheit eben der Wirkung geopfert, was in diesem Fall verzeihlich sein mag, aber nicht notwendig war.

Man sage nicht, Namen seien Schall und Rauch. In Werken der Literatur sind Namen immer wichtig – oder sollten es jedenfalls sein. Gerade in diesem Stück hätte der Verzicht auf die realen Namen zu erkennen gegeben, daß es sich nicht um den Mann Oppenheimer, sondern um den Fall Oppenheimer handelt. Günter Grass wußte, was er tat, als er den Helden seines jetzt entstehenden Brecht-Stückes nicht "Bertolt Brecht", sondern "der Chef" nannte.