Noch einmal triumphierte der britische Kampfgeist

Von Alex Natan

Die Engländer haben in der Leichtathletik in Tokio, die noch immer den Mittelpunkt der olympischen Wettbewerbe vorstellt, besser abgeschnitten als jemals seit Begründung der modernen Oympischen Spiele. Sie haben vier Gold-, sieben Silber- und eine Bronze-Medaille errungen. Sie haben in mancher Hinsicht Glück gehabt: das wendische Wetter sagte ihnen zu, es wurde windstill, als Lynn Davies zum entscheidenden Sprung ansetzte, Sin Kim Dan war nicht startberechtigt. Aber Glück wird immer zu den Attributen der Dame Fortuna gehören. Die Engländer haben jedenfalls diese Zerreißprobe besser bestanden als die Deutschen, die besser abgeschnitten haben als so manche deutsche Kassandra erwarten ließ und gewichtige Entschuldigungsgründe in bestimmter Hinsicht geltend machen können. All dies genügt aber nicht, um die Diskrepanz zwischen beiden Nationen zu erklären, die aus einem vergleichsmäßig ähnlich starken Bevölkerungsmaterial schöpfen und sich beide eines ausgezeichneten Wohlstandes erfreuen. Die Gründe liegen tiefer und sind es wert, öffentlich diskutiert zu werden.

Chris Brasher, Olympiasieger und intelligentester englischer Sportkommentator, hat betont, daß die englischen Leistungen "trotz ärmlichster Bedingungen, geringer Coaching-Möglichkeiten, keinerlei Planung und schlechter Führung" zustande gekommen sind. Zur Erklärung darf darauf hingewiesen werden, daß im Juli offiziell festgestellt worden ist, daß fast 50 Prozent aller englischen Mittel- und Volksschulen keine Turnhallen oder Sportplätze besitzen. Die Verhältnisse auf den Gymnasien liegen etwas besser. Aber selbst wenn zehn Prozent aller englischen Gymnasien private Schulen sind, die über große Sportanlagen verfügen, so reichen diese in vielen Schulen schon längst nicht mehr aus, dem Schüler mehr als einen Sportnachmittag zu geben, weil die Schülerzahl seit Kriegsende stetig angewachsen ist. Da gleichzeitig damit auch die Forderung nach intensiverer Ausbildung in den Naturwissenschaften und in Technologie wuchs, haben die meisten Schulen die eine Wochenstunde in der Halle gestrichen, aber sie einstweilen noch für den Rest der Schule beibehalten können. Es soll auch betont werden, daß nur drei Prozent aller englischen Gymnasiasten auf diese "Public Schools" gehen, während der Rest staatliche Gymnasien besucht, wo der Kampf um die Erweiterung von Sportplatz und Sporthalle zum ständigen Programm gehört. Es soll auch darauf hingewiesen werden, daß das gesamte Inselreich weniger als 100 Aschenbahnen besitzt und mit Ausnahme der in diesem Jahr eröffneten Trainingsanlage auf dem Gelände des alten Crystal Palace keine Sportanlage besitzt, die sich mit einer neuen deutschen vergleichen läßt.

Sport nicht mehr Privatsache

Bis vor kurzer Zeit hat sich die Regierung auf den Standpunkt gestellt, daß die Finanzierung von Sport und Leibesübungen ausschließlich privater Natur sein sollte. Die Ernennung eines sozialistischen Unterstaatssekretärs für Sport deutet darauf hin, daß die Labour-Regierung eine andere Einstellung besitzt. Um sich eine Vorstellung zu machen, was private Initiative noch immer fertigbringen kann, so sei daran erinnert, daß die Kosten der britischen Expedition nach Tokio über zwei Millionen Mark betragen haben. Die Regierung stiftete ganze 360 000 Mark mit der strikten Auflage, daß diese erste staatliche Beihilfe ausschließlich zur Deckung administrativer Kosten verwendet werden dürfte. Der Rest der Summe ist durch private Sammlung und Stiftung zusammengebracht worden. Ich schäme mich, die deutsche Summe zu nennen, die privat zusammengetragen und vor den Spielen bekanntgegeben worden ist. Dieses kärgliche Budget hatte eine heilsame Wirkung. Die Zahl der britischen Funktionäre und des unbedingt notwendigen Begleitpersonals wurde auf ein Minimum beschränkt, während, laut Angaben des Berliner "Tagesspiegels", Deutschland hier einen unschlagbaren Rekord vor Rußland und Amerika hält, der nur teilweise durch die Doppelbesetzung zu erklären ist. Die Engländer haben von jeher von ihren Funktionären verlangt, sie sollten ihre Reisen zu Olympischen Spielen selbst finanzieren. Sie haben dies stets freiwillig getan. Mit anderen Worten, die britische Olympiamannschaft hat sich erneut, im Gegensatz zu Deutschland, durch eigenen Antrieb finanziert. Ob dies empfehlenswert und in Zukunft durchführbar ist, steht im Moment nicht zur Debatte. Sicher ist nur, daß sich eine Mannschaft psychologisch in einer anderen Verfassung befindet, die genau weiß, daß sie nicht bezahlt worden ist, sondern mit Schweiß und Tränen daran gearbeitet hat, nach Tokio zu kommen. In meiner Stadt ist offen gesammelt worden, um einem Kanufahrer die Reise zu ermöglichen. Damit fühlte sich jeder Stifter für die Expedition mitverantwortlich.

All diese Tatsachen und Faktoren sind aber nur von beiläufiger, aber keineswegs nebensächlicher Bedeutung gewesen. Die Erklärung für das ausgezeichnete Abschneiden der Engländer gegen die Giganten aus Rußland und aus Amerika ist aber in zwei anderen, tiefenpsychologischen Haltungen zu finden. Wo lag der dynamische Wendepunkt, der die sprichwörtlich "vorbildlichen Verlierer" in vorbildliche Sieger verwandelte? Es gibt in England nicht jene strikt organisierte Sportbürokratie wie in Deutschland. Ich habe seit dreißig Jahren die Ansicht vertreten, die anfangs durch meine eigene Erfahrung als Spitzensportler im Verkehr mit Sportbehörden gewonnen worden war, daß die Verehrung gewisser autokratischer Ideen Hegels, die man vielleicht auch als blinden, preußischen Kadavergehorsam bezeichnen kann, in der deutschen Sportführung sich völlig negativ im aktiven Sportsmann auswirken müsse. Er ist freiwillig zum Sport gekommen und erringt seine Leistungen schließlich nur durch die Hingabe seiner eigenen körperlichen und geistigen Kräfte. In Deutschland ist es aber seit den zwanziger Jahren Mode geworden, den Sportsmann zu "konditionieren", ihn zum gefügigen Werkzeug von Menschen zu machen, die einfach vergessen haben, daß der Funktionär stets nur für den Sportsmann existiert, aber der Sportsmann nicht, um die Eintagsexistenz des Sportbonzen zu rechtfertigen. Wenn ich an die Schwierigkeiten denke, die Individualisten wie Dr. Peltzer oder Helmut Körnig in der Vergangenheit gehabt haben, wenn ich an die diktatorischen Allüren denke, mit denen die deutsche Olympiamannschaft von 1932 behandelt wurde – Adolf Metzner kann hier und aus den folgenden Jahren allerhand aus eigener Erfahrung berichten –, wenn ich an den Mangel an Führungstalenten seit 1945 denke, die durch das leere Gewäsch hohler Reden, Ansprachen und anderer Unwichtigkeiten verdeckt werden mußte, dann wird nur immer wieder meine alte Analyse bestätigt: Die deutsche Sportführung wünscht keine Individualisten, sie wünscht Könner, die parieren und die Weisheit ihrer Vorgesetzten nicht in Zweifel ziehen. Darüber hat Armin Hary in "Quick" bereits vernichtende Feststellungen gemacht.