Da waren außer mir nur noch drei Frauen, und ich war wieder imstande, Individuen zu erkennen: eine ganz alte Dame, um die sich alle scharten und die von drei Waschmädchen wie von Töchtern zurück zu den Monsieurs geleitet wurde; eine Ungeduldige, die schrill zeterte, daß alle anderen vor ihr drangekommen seien; und eine Amerikanerin, die guttural präzise Wünsche bezüglich des Waschmittels zu äußern versuchte, ein angeblich englisch verstehendes Mädchen nach dem anderen vorgeführt bekam, sich dann schließlich den ganzen Vorrat von Flaschen, Tuben und Flakons kommen ließ, an allem mißtrauisch roch und sich willkürlich für etwas Hellblaues entschied: "Ich habe keine Ahnung, was es ist, aber es sieht so sauber aus."

Man wäscht nach hinten, wie fast überall in Europa, denn es ist bequemer und läßt das Make-up – und damit die zweckvoll aufgebaute Persönlichkeit – unbeschädigt. An den Wänden über den Waschrinnen hängen Handzeichnungen von Cocteau, natürlich mit Widmung, eine Bleistiftskizze von Alexandre in Prince-of-Wales-Pose und alte Modestiche.

Nach einer halben Stunde war mein Haar gewaschen, und ich kam zurück ins Rosa und erst einmal auf den Leopardenpuff. Edouard arbeitete gerade an einer strengen Weißhaarigen, die wie alle alten Damen aus Königshäusern auf einmal aussah. Sie hatte spärliche und spinnwebdünne Haare. Edouard entfernte den Aufbau aus Lockenwicklern, Watte und Clips, bürstete, zog alle oberen Strähnen mit dem Brenneisen nach, bürstete wieder, toupierte nur zwei, drei Strähnen direkt auf dem Schädel und baute der Königinmutter auf dieser Matratzen unterläge eine Frisur, die so aussah, als ob er Mühe gehabt hätte, die Flut der Haare zu bändigen.

Und alle redeten. Sie trugen die shocking-pink-Kittel wie Abendcapes von Balenciaga, ließen den runden Halsausschnitt so tief in den Rücken rutschen, daß die Cote-d’Azur-Bräune durch das satte Rosa noch goldener schimmerte. Sie drapierten ununterbrochen die rosa Frottiertücher anders auf den nassen Haaren, verströmten Wolken warmen Parfümdunstes, rauchten, tranken Tee, heißen Kaffee, eiskalte Drinks. Ein Kellner rannte immer wieder mit vollen Tabletts schwitzend durch den Salon, man konnte sich einen Lunch bestellen oder Eis oder petits fours, Freundinnen begrüßten einander, Termine von Empfängen wurden verglichen, über Männer und Autos und Landhäuser geredet; junge Mädchen in Rosa küßten alten Damen in Rosa die Hände.

Dann saß ich vor dem wandbreiten Spiegel. Edouard zupfte die Manschetten zurecht und hob die Hände mit dem Kamm wie ein Dirigent den Stab.

Schneiden "Nein danke." Wirklich nicht? "Wirklich nicht. Fänden Sie es besser?" Er kämmte schon und ließ das nasse Haar so über den Kamm fallen, wie es alle Friseure zu tun versuchen. Aber er hatte gleich den kritischen Punkt entdeckt und ließ das Haar so fallen, wie es – ohne Rücksicht auf alle Tricks aller Friseure der Welt – doch immer wieder fällt. Nein, nicht unbedingt besser. Wie soll es sein? "So, wie Sie es gekämmt haben." Er rollte, und nachdem er die erste Rolle festgesteckt hatte, schaute er gar nicht mehr hin. Seine Hände scheitelten und zogen und rollten und steckten automatisch nach festem Plan, und Edouard ließ die flinken Rosinenaugen überallhin springen, schwatzte mit dem Nachbarn, tröstete eine Wartende, dirigierte Aschenbecher und Dazwischengekommene.

"Alexandre hat doch die kurzen Haare wiederentdeckt. Schneiden Sie jetzt viel?" So so. Die kurzen Haare, das ist eine Idee, eine Modeinspiration. Wir haben unsere Kundinnen. Sie sehen ja: Viele von ihnen haben ohnehin kurze Frisuren. Es steht Frauen mit normalem Hals einfach besser. "Wie ist das mit dem Toupieren? In Deutschland gibt es immer noch Ballonköpfe." Ich toupiere, wenn ich Festigkeit brauche. Wir haben nie nur toupiert.