Von Gerhard Ziegler

Heinrich Jagusch ist für seine Kollegen in der Karlsruher "Residenz des Rechts" kein "Fall", er ist ein Rätsel. Wie konnte er einem Manne wie Chefpräsident Bruno Heusinger ins Gesicht lügen? Das ist einfach nicht zu begreifen. "Das hat mir eine Wunde geschlagen, die in meinem ganzen Leben nicht wieder heilen wird", klagte tief enttäuscht der "königliche Richter" Heusinger. Jaguschs Verhalten muß den Hausherrn im ehemaligen Erbgroßherzoglichen Palais schwer getroffen haben. Er hatte immer zu Heinrich Jagusch gehalten, auch in schwierigen Situationen. Und daran gab es keinen Mangel.

Nicht nur am politischen Strafrecht hat Jagusch seinen kritischen Verstand geübt. Auch die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes zur Wiedergutmachung fand bei ihm keine Gnade. In der "Neuen Juristischen Wochenschrift" zerfetzte er die Karlsruher Interpretation des Bundesentschädigungsgesetzes derart, daß der Präsident des 4. Zivilsenats, selbst Opfer der zwölfjährigen Schreckensherrschaft, glaubte, nur ein Strafverfahren gegen Jagusch könne die verletzte Ehre der angegriffenen Richter wiederherstellen. Daß es nicht dazu; kam, ist Heusinger zu verdanken, der jegliche Staatsaktion vermied und in internen Besprechungen den Hausfrieden wiederherstellte.

Bisher waren auch alle Versuche gescheitert, den Senatspräsidenten politisch zu disqualifizieren. Er hatte so entschieden dementiert, mit jenem Gerichtsassessor Jagusch identisch zu sein, der am berüchtigten "Grünspan-Prozeß" mitwirkte, daß niemand zu zweifeln wagte. Bisher reichte das alles an Jagusch gar nicht heran. Heute spricht man wieder darüber; und man macht sich auch Gedanken über den Lebenslauf des Selfmademan: Uneheliches Kind, in dürftigen Verhältnissen aufgewachsen, außerordentlich begabt, fleißig und ehrgeizig; Sozialdemokrat und Gewerkschaftssekretär. Von den Nationalsozialisten wird ihm kein Haar gekrümmt. Nun gut, das braucht noch nichts zu besagen. Aber er kann jetzt sein Abitur nachholen und studieren. Ist das der Preis für den Eintritt in die NSDAP?

Früher wurde ein Schutzwall um Jagusch gezogen, wenn Spekulationen über seine politische Vergangenheit auftauchten. Es wurde davor gewarnt, das Problem "Justiz im Dritten Reich" zu versimpeln. Jetzt ist keine Rede mehr davon. Karlsruhe hat Jagusch nicht einfach ausgewiesen, aber man fragt, zweifelt und findet keine schlüssige Erklärung für sein Verhalten.

Hatte Jagusch nicht selber als Präsident des 3. Strafsenats an dem Verfahren mitgewirkt, das er heute in Grund und Boden verdammt? Warum tat er damals nicht, was er heute dem Generalbundesanwalt beschwörend zu tun empfiehlt: Dem Gesetzestext den Atem des Rechts und der Verfassung einzuhauchen?

Weniger rätselhaft auch wäre Jaguschs Flucht in die Öffentlichkeit, wenn er als leidenschaftlicher Zeitungsautor bekannt wäre wie etwa der frühere Präsident des Stuttgarter Oberlandesgerichts, Richard Schmid, oder der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Aber wie schwer hatte Jagusch schon mit sich gerungen, ehe er in der ZEIT auf die Angriffe gegen die Karlsruher politische Rechtsprechung mit einer großangelegten Erwiderung reagierte. Wer findet sich da noch zurecht?