Ho., Wuppertal

Altbundeskanzler Adenauer kam aus seinem Versteck gekrochen und rief: "Ich bin für die Todesstrafe!" So sah der dreizehnjährige Volksschüler Ralf Borgatz die Reaktion des greisen Exkanzlers auf den jüngsten Bonner Taximord. Was er von dem Rhöndorfer Ruf nach dem Henker hielt, formulierte der Volksschüler so: "Ich finde, daß jeder Mensch, der denken kann, gegen die Todesstrafe sein muß. denn keiner hat das Recht zu töten."

Solche und ähnliche Sätze fand der Wuppertaler Volksschullehrer Herbert Stubenrauch bei der Durchsicht der Aufsatzhefte seiner siebten Klasse. Nach einer ausführlichen Diskussion der Argumente hatte Stubenrauch seine Schüler angehalten, ihre Meinung zu den wiederholt in der Öffentlichkeit erhobenen Forderungen nach Wiedereinführung der Todesstrafe aufzuschreiben.

Für sein ungewöhnliches Unterfangen, Dreizehn- bis Vierzehnjährige über das so schwierige Problem der Todesstrafe einen Schulaufsatz schreiben zu lassen, nennt Stubenrauch zwei Gründe: "Im Rahmen unserer monatlichen Diskussionsstunde hatte ich festgestellt, daß die Kinder an diesem Thema interessiert waren. In den Elternhäusern wurde offensichtlich lebhaft darüber gesprochen. Dann bin ich der Meinung, daß gerade die Volksschüler später kaum noch Gelegenheit finden, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Warum also sollte die Schule diese Chance nicht nützen und dazu beitragen, daß sich keine falschen Vorstellungen einschleichen?"

Zwei Themen hatte der Wuppertaler Lehrer der Volksschule Barmen – Rathenaustraße seinen 37 Schülern gestellt: "Warum ich für die Todesstrafe bin?" und: "Warum ich gegen die Todesstrafe bin?" Das Ergebnis war verblüffend. Die Klasse war von der öffentlichen Meinung, deren überwiegender Teil die Todesstrafe befürwortet, kaum beeinflußt. Die meisten waren gegen den Henker. Von insgesamt 37 Schülern und Schülerinnen lehnten 29 die Todesstrafe ab; nur 8 waren dafür.

Ein Argument kehrte immer wieder: "Wenn man die Mörder durch die Todesstrafe auch ermordet, dann ist ihnen die Chance, sich zu bessern, genommen." Und: "Der Mörder soll vielmehr ins Zuchthaus, damit er sich bessert und er bereut, was er getan hat." Einige lehnten die Todesstrafe auch deshalb ab, weil sie sie als "blutrünstig und-Blutrache" empfanden.

Die beste Klassenarbeit fand Stubenrauch allerdings nicht bei den Gegnern der Todesstrafe, sondern bei ihren Befürwortern. Die vierzehnjährige Angelika Spring wies auf die sich häufenden Verbrechen an Kindern und Jugendlichen hin. Sie kam zu dem nicht zutreffenden, für das Kinderdenken aber durchaus logischen Schluß: "Wenn die Mörder selbst hingerichtet werden, können sie sich selbst in die Lage der von ihnen umgebrachten Menschen versetzen." Lehrer Stubenrauch gab diesem Aufsatz die Note "sehr gut". Dieses Urteil dürfte ihm indessen nicht leicht gefallen sein: Er selber ist ein entschiedener Gegner der Todesstrafe.