Man will sagen, wie man es meint; ausdrücken, was man im Sinn hat, aber noch nicht als Wort und schon gar nicht als Satz. Jedes Zeitalter meint etwas anderes, hat etwas anderes im Sinn, spricht oder schreibt also anders. So erwirbt jedes Zeitalter der Sprache neues Vermögen. Der ganze historische Vorrat an Wörtern und Möglichkeiten kann also schon Auskunft geben über das, was etwa die Deutschen im Sinn hatten, wie sie es jeweils meinten in der Geschichte. Es gibt schlußfreudige Leute, die behaupten, man könne unserer Sprache sogar ansehen, wie wir es überhaupt meinen, sozusagen ein für allemal. Nicht umsonst gebe es im Deutschen Wörter wie "Weltschmerz" und "Weltanschauung".

Wichtiger als diese beiden voluminösen Wörter ist sicher die Möglichkeit, Wörter so zusammenzufügen. Statt des kentaurischen Doppelworts könnten wir ja auch die logische Konstruktion benützen. Aber offenbar ballen wir den Sinn lieber in einem Wort zusammen. Daß uns die genauere Zuordnung durch den Genitiv verlorengeht, bedauern wir nicht. Es paßt uns sehr, daß wir in unserer Sprache ein Adjektiv ohne Federlesens vor ein Substantiv spannen können, daß es dann mit diesem Substantiv zu einem solchen kentaurischen Wort zusammenschmilzt. Wie der Segelflieger den Aufwind, genießen wir die Verabsolutierung, die eintritt, wenn das Adjektiv plötzlich zusammenfließt mit jenem Substantiv, zu dessen Ausrichtung es schüchtern diente, als es noch deutliches Adjektiv war.

Wie Komponenten gehen die Einzelwörter in der Resultante des neuen Doppelworts auf. Allerdings ist die Intention des neuen Wortes selten so deutlich wie das von der Resultante in der Physik verlangt wird. Viele der zusammengesetzten Wörter müssen von dem, der sie gebraucht, immer wieder mit neuem Sinn ausgestopft werden. Vielleicht sind diese Wörter beliebt, weil man sie immer wieder umfunktionieren kann.

Wie oft wurde, seit es im 18. Jahrhundert erzeugt wurde, das Wort "Weltanschauung" von denen ernährt, die es gebrauchten, von Hegel bis herab zu den Verkündern einer nationalsozialistischen Weltanschauung. Aber das Wort hält sich. Es zeigt sich im Umgang mit solchen Wörtern eine deutsche Lust und Veranlagung. Das Empfinden und Meinen ist bei uns heftig vorhanden. Dabei sind wir durchdrungen von der Ansicht, daß wir uns eigentlich nie ganz ausdrücken können. Schon wenn wir zu reden beginnen, spüren wir, es wird ein Rest bleiben, den wir nicht ausdrücken und schon gar nicht formulieren können.

Auf diesen Rest berufen wir uns gern, wenn wir unsere Mühe mit den Wörtern haben. Die kentaurischen Wörter helfen uns am meisten. Dem Doppel- oder Dreifachwort, dessen Bedeutungen nach vielen Richtungen strahlen, vertrauen wir unser inniges oder heftiges Meinen lieber an als einer syntaktischen Konstruktion. Und die einfachen Substantive kommen uns dann vor wie zu kleine Gefäße, die unseren Ausdruckswillen zu sehr einschränken würden.

Vielleicht sind wir uns selbst gegenüber sogar skeptisch. So deutlich wissen wir gar nicht, was wir sagen wollen, so deutlich kann man vielleicht gar nichts wissen, also meiden wir das deutlichere Einzelwort, spannen es zusammen mit einem zweiten, dadurch verwischen wir das Gesagte, heben es ein bißchen auf; wir beschädigen die Deutlichkeit, den Umriß, aber wir potenzieren den Willensanteil, die Wucht, das Vitale, manchmal sogar die Substanz. Vielleicht nehmen wir einfach den Mund zu voll. Wollen mehr sagen, als man sagen kann. Dadurch wird man heftig. Es kommt uns dann mehr darauf an, etwas loszuwerden, als auf das, was herauskommt. Und wenn wir bemerken, daß wir, statt mit Worten eine Richtung auszudrücken, ein ganzes Intentionsbündel freigesetzt haben, dann sagen wir: Das Eigentliche ist sowieso unaussprechlich.