Nr. 1/50 und die 5095 Tage – Notizen aus dem ungeschriebenen Tagebuch eines freigekauften DDR-Häftlings / Mitgeteilt von Werner Höfer

Dies ist ein Deutscher, mit einem Kopf, auf den niemand viel gesetzt hatte; mit einem Kopf ohne besondere Merkmale. Dieser Kopf, einer von vielen, ist freigekauft worden.

Als dieses binnendeutsche Tauschgeschäft, eine neue Art von Interzonenhandel mit der Verrechnungseinheit "Mensch", zustande kam, da hatte dieser Mann solange in DDR-Kerkern zugebracht, wie Konrad Adenauer in Bonn regierte – und länger, als Nikita Sergejewitsch Chruschtschow in Moskau an der Macht war.

Der Mann ist doppelter Doktor und heißt Helmut Brandt. In Berlin ist er vor mehr als einem halben Jahrhundert geboren. Schon der Schüler interessierte sich für nichts so sehr wie für Politik. Der Gymnasiast war bereits Gasthörer auf der Hochschule für Politik. Theodor Heuss war sein Lehrer für Rhetorik und Innenpolitik. Nach dem Abitur erweiterte er seinen Studienplan um Jurisprudenz und Sprachen, zu denen auch Russisch gehörte. Sein erster politischer Mentor war Gustav Stresemann, der ihn den "Benjamin der deutschen Politik" nannte. In den letzten Jahren der Weimarer Republik war er Sekretär der Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei. Sein Arbeitsraum wurde am 28. Februar 1933 beim Reichstagsbrand fein säuberlich zur Hälfte "ausgeräuchert". Die Auflösung seiner Partei und die Machtübernahme durch die andere "Partei" beendeten zunächst seine politische Laufbahn.

Aber noch im Jahre 1933 bestand er das volkswirtschaftliche Doktor- und das juristische Referendar-Examen innerhalb von vier Tagen. Der Referendar ging nebenher in die Banklehre und wirkte obendrein als Assistent am Kaiser-Wilhelm-Institut für Ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht. Das bedeutete Tag für Tag 16 Stunden äußerster intellektueller Anstrengung. Wie sehr er sich politisch auch zurückhielt, unterhielt er doch Verbindung zu Männern, die später zum Kreis des 20. Juli gehörten. Vielleicht hätte er damals schon die Zellen von Moabit oder den Hof von Plötzensee kennengelernt, wenn er nicht als Soldat an der Front davor bewahrt worden wäre.

Aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft wurde er nach Frankfurt am Main entlassen. Von dort schlug er sich nach Berlin durch. In Spandau half er beim Aufbau der Kommunalverwaltung und richtete seine Anwaltspraxis wieder ein. Nun konnte er die vor zwölf Jahren beendete politische Tätigkeit wiederaufnehmen. Durch Andreas Hermes ließ er sich für die CDU gewinnen, von der er erwartete, daß sie die in der ersten Republik so heillos versprengten bürgerlich-demokratischen Kräfte sammeln könnte. Als Jakob Kaiser sich aus dem Herrschaftsgebiet der Sowjets auf westdeutschen Boden zurückzog, blieb er mit Otto Nuschke – auf die Verhinderung der "Einheitsliste" vertrauend – "drüben" und lehrte weiter an der Humboldt-Universität. In dem ersten "All-Parteien-Kabinett" der DDR wurde er Staatssekretär im Justizministerium. Als Parteipolitiker tat er, was seine Pflicht war: Er widersetzte sich der Ungerechtigkeit. Er wurde selber, um des Rechtes willen, ein Opfer des Unrechts.

Das ist, von ihm so unbeteiligt erzählt, als referiere er über die Biographie eines Fremden, sein "Vorleben": Staatssekretär im Ostberliner Justizministerium, Dr. jur., Dr. rer. pol., Universitätsdozent, CDU-Politiker, politischer und juristischer Publizist – eine typische, eine klassische preußische Karriere mit Fleiß und Haltung, die ihn schließlich in eine nach Bedeutung wie Gefährdung äußerst exponierte Position brachte.