Ich war perplex, griff hastig nach dem Kalender, nein, ein Irrtum war nicht möglich: Es waren noch 44, in Worten: vierundvierzig Tage Zeit. Hatte ich richtig gehört? "Meine Eltern würden sich sehr freuen, wenn du mit uns Silvester feiern könntest Die Stimme am Telephon war kein Traum. Sie gehörte einer Studentin und sie setzte freundlich hinzu: "Du wirst doch in Hamburg sein?"

Darauf, war ich nicht gefaßt. Aber so viel hatte ich immerhin schon gelernt: Die Nacht des Jahreswechsels verbringt man nicht, allein, man muß mit anderen fröhlich. sein, trinken, anstoßen und knallen. Trübsinn blasen oder womöglich um zehn Uhr nach den Abendnachrichten ins Bett zu gehen, ist offenbar stilwidrig. Daß nun zu Silvesterpartys eingeladen werden muß, daß sie organisiert, geplant, der Sekt in der richtigen Menge kaltgestellt werden muß, ist klar. Daß damit Mitte November begonnen wird, ist neu. Zugegeben, der Zeitpunkt für den Anschlag auf harmlose potentielle Silverstergäste ist gut gewählt. Wer denkt schon vierundvierzig Tage vor der letzten Nacht des Jahres an dieselbe? Da hilft kein hilfloses Wortgestammel, da muß Farbe bekannt werden. Der Wahrheitsgehalt von Ausflüchten: "Ich werde wohl gar nicht in Hamburg sein," kann nachgeprüft werden, und ein Sich-zurückziehen auf: "Solange vorher kann ich nicht planen", wäre unhöflich. Eine Ausflucht könnte es sein, schließlich im letzten Augenblick eine Grippe vorzutäuschen oder über Zahnschmerzen zu klagen, aber wer schwindelt schon gern in der letzten Nacht des Jahres.

Für die Direktoren der großen Hotels und renommierten Restaurants allerdings sind die vierundvierzig Tage bis zum Jahreswechsel eine recht kurze Zeitspanne: Sie nehmen schon laufend Tischbestellungen entgegen für das Jahresabschlußessen. Heute noch gibt es gute Tische; wer morgen bestellt, muß sich vielleicht mit einem Katzentisch in einer zugigen Ecke begnügen. Auch für den Aufsichtsrat der Hamburger Staatsoper ist Mitte November der späteste Zeitpunkt, um über die gerechte Verteilung der Karten für die Fledermaus-Aufführung am 31. Dezember zu konferieren. 1670 Plätze müssen gerecht verteilt werden an die Abonnenten, an die Angestellten der Oper, die Mitglieder der Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Staatsoper und, last not least, an die Hamburger Bürger, die im November schon wissen, was sie am Silvesterabend zu tun gedenken. Es besteht also gar kein Grund, perplex zu sein, man muß sich heute entscheiden, sonst findet man sich in vierundvierzig Tagen zwischen den Stühlen.

Weihnachten ist für mich selbstverständlich längst passé. Jetzt denke ich schon an Ostern. HvK