Golo Mann: Wilhelm II.; Scherz Verlag, München; 15 Text- und 53 Bildseiten, 9,80 DM.

Die Engländer haben seit einiger Zeit den letzten Deutschen Kaiser wiederentdeckt, und einige bedeutende britische Historiker oder Schriftsteller haben ausführliche Lebensbeschreibungen veröffentlicht. Die deutschen Verlage folgen zögernd. Vielleicht darf man diesen Band als den Beginn eines wiedererwachten Interesses für eine wichtige Gestalt unserer Geschichte sehen. Den größten Teil des Werkes nehmen die Bilder ein; aber bei aller Achtung vor dem Bedürfnis des modernen Menschen, geschichtliche Ereignisse mit dem Auge zu verstehen, wird man sagen müssen, daß der Textteil beim Leser den Vorrang haben wird, weil er Golo Mann zum Verfasser hat.

Manns Fähigkeit, auf knappem Raum eine Figur, ihre geistige Bedeutung, ihre Stellung zu ihrer Umwelt zu schildern, findet hier einen angemessenen Gegenstand und eine bedeutungsvolle Bestätigung. Woher rührt seine schriftstellerische Kunst? Doch wohl vor allem von seiner Fähigkeit zu verstehen, gerecht zu sein, sorgsam abzuwägen, das Vielschichtige auch vielschichtig zu sehen. Man glaubt ihm, daß Wilhelm II. wirklich so gewesen ist, wie er ihn schildert, und man bedauert nur, daß er nicht die Muße gefunden hat, die große und umfassende Biographie des Kaisers zu schreiben. Peter Griesenbruch