E. W., München

Eine Ente, die ihre Tage nicht im Stall oder auf der grünen Wiese am Bachufer, sondern in einem Kinderwagen zubringt, beschäftigt Münchens Stadtbeamten mehr denn je. Das Tier selber ist schuldlos an dem ganzen Wirbel. Es gehört der Lina Huber, 66, dem letzten Original in dieser an Originalen nicht gerade armen Stadt.

Die Hubers Lina war bis vor kurzem noch Hauptmieterin einer Wohnung im vornehmen Stadtteil Bogenhausen. Sie stammt aus gutem Hause, hat ein Institut besucht, Klavierspielen und Fremdsprachen gelernt. Kurze Zeit war sie am Theater. Seit dem Krieg aber, so heißt es, hat sie einen Tick, Zwar blieb sie in der Wohnung, legte sich aber ein paar Hennen zu, die munter um ein altes Klavier herumscharrten. Selbstverständlich verbot der Hauseigentümer den Unfug. Da erstand die Lina Huber auf dem Viktualienmarkt ein Entenküken und schloß es in ihr einsames Herz.

In einem alten klapprigen Kinderwagen fährt sie, nun schon seit Jahren jeden Tag und bei buchstäblich jedem Wetter ihr "Widele" spazieren, quer durch die ganze Stadt und oft auch bis Starnberg und noch weiter. Bei schönem Wetter wird die Ente gelegentlich herausgehoben und auf eine Wiese gesetzt. Sobald es kalt wird, wird ihr ein selbstgestricktes Jäckchen angezogen, in dem auch das Täschchen nicht fehlt, damit sie ihren Schnabel hineinstecken kann, wenn es zu kalt ist.

Die Enten-Lina hat kein Einkommen, aber sie will auch keine Sozialhilfe. Mitleidige Seelen stecken ihr gelegentlich etwas zu. Das "Widele" bekommt aus dem ständig mitgeführten Feldkessel seine Nudelsuppe und schwarzen Tee, die Lina selbst leistet sich dazu noch Brot. Sie sagt, sie braucht nicht mehr als dreißig Mark im Monat.

Das Amt für Sozialhilfe würde ihr gern einen Platz in einem Altersheim besorgen, doch dann müßte die Enten-Lina auf die Ente verzichten. In diesem Punkt aber ist sie bocksteif. Sogar Räumungsurteil und Räumung hat sie jetzt auf sich genommen. Der Richter fand, nachdem er beide Parteien geduldig angehört hatte, daß die Lina wirklich keine zumutbare Mieterin sei. Das ganze Haus riecht nach der Ente.

In einer Tageszeitung wurde daraufhin das goldene Münchener Herz bemüht. Einzelne meldeten sich, auch Hausbesitzer, die sie um "Gotteslohn" aufnehmen wollten. Die übrigen Hausbewohner indessen weigerten sich strikt, mit der Enten-Lina unter einem Dach zu wohnen. Im vergangenen Winter schob Lina sogar in der Nacht ihr Entenwagl durch die Stadt, auch wenn es schneite und gefror.