Von German Kratochwil

Eine Gruppe lateinamerikanischer Schriftsteller war unlängst zu Besuch in der deutschen Bundesrepublik. Sie trugen auffallend lange, schäbige Mäntel; sie spielten Gleichmut, aber ihre Gefühle waren wie verirrte Schmetterlinge über Grönland. Gibt es denn hier keine Cafés? Mein Gott, ein Lektor, der ein Auto besitzt. Fünfhundert Mark für ein Rundfunkfeuilleton?

Der Paraguayer Roa Bastos staunte ergriffen in dieses Wunderland. Jorge Luis Borges grinste und nickte und dachte an den Golem, an Auschwitz, an Schopenhauer. Miguel Angel Asturias, der Guatemalteke, erstarrte zum indianischen Götzenbild – ein wenig böse blickte er drein, dann plötzlich ein Lächeln, als wäre er Präsidentschaftskandidat.

Ganz urban zeigte sich allein der Brasilianer João Guimarães Rosa: ein großer, korpulenter Mann, die Hände in Pfarrerhaltung über der weitgespannten Gürtellinie gefaltet, immer bereit zu einem fistelnden Gekicher, zu einem Monolog über seine Literatur und sein Land.

Er nähert mir sein Gesicht, bildet mit der Hand verschwörerisch einen halben Trichter um den Mund und flüstert: "Ich werde Ihnen ein Geheimnis verraten." Dann blinzelt er mich streng durch die Brille an und streckt den Zeigefinger empor. "Werden Sie schweigen können? Ich schrieb das Buch, als ich glaubte, sterben zu müssen. Meinen Sertäo sollte ich verlassen? Haben Sie hinter den Worten nicht den Rhythmus einer quälenden Furcht vor der Zeit gehört?" Dieses "Können Sie über einem Fluß schlafen?" zitiert er aus seinem Roman

João Guimarães Rosa: "Grande Sertäo", aus dem Portugiesischen von Curt Meyer-Clason; Kiepenheuer & Witsch, Köln; 556 S., 26,– DM.

Rosa ist mit Recht stolz auf die deutsche Übersetzung. Was hatte er mit dem brasilianischen Portugiesisch nicht alles getrieben! Er hatte sich in die weißen Flecken der Sprache vorgewagt, an die Grenzen der Zivilisation; bis dorthin, wo sie zur Gebärde, zum Befehl, zum Fluch und zum Gestammel wurde. Er erschloß ihr den Sertäo, das Hochland im Innern Brasiliens, aus dem die Flüsse in alle Himmelsrichtungen fließen, wo der Boden schründig wird bis aufs rote Urgestein in den Trockenperioden, wo Regenstürze die Hütten und Pflanzungen der armen Pächter fortschwemmen, wo große Landgüter von letzten Sprößlingen einer feudalen Herrschaft regiert werden, wo sich Söldner im Dienst dieser fazendeiros, freie Banditen und Soldaten der Regierung erbarmungslos zerfleischen. Rosas deutscher Übersetzer war ein verständnisvoller Begleiter, sparte nicht mit "Knarre", "abnibbeln", "Lapperkerl", "verratzt" und zeigte sich sattelfest im latinen Barock, das vom Übersetzer mehr den hurtigen Verstand als wogende Gefühle verlangt.