Von S. Landshut

Richard Koebner und Helmut Dan Schmidt: Imperialism. The Story and Significance of a Political Word 1840–1960; Cambridge University Press; 460 Seiten, 60 sh

Das Stichwort Imperialismus ist seit seinem Aufkommen in der Mitte des letzten Jahrhunderts und mit dem Bedeutungswandel bis in unsere Tage Gegenstand einer Fülle von Verwendungen in den Reden der führenden Staatsmänner, der politischen Presse, in Zeitschriftenaufsätzen und selbständigen Publikationen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in allen Ländern der Welt. Hier wird der Begriff. "Imperialismus" zum Sesam öffne dich, das den ganzen Wandel der weltpolitischen Szenerie im Laufe der vergangenen hundert Jahre vor Augen führt. Die einfache Methode einer völlig distanzierten und unvoreingenommenen Bedeutungsanalyse eines Wortes enthüllt überraschende umfangreiche und lehrreiche Einblicke in die wechselnden Konstellationen des politischen Welttheaters in den letzten hundert Jahren.

Hier beweist eine Art der Geschichtsschreibung ihre erstaunlichen Vorteile vor jeder historischen Untersuchung in der Absicht, den Zusammenhang geschichtlicher Ereignisse und Zusammenhänge als solche darzustellen. Auch darf "Imperialismus" hier nicht im Sinne des Max Weberschen "Idealtypus" mißverstanden werden, also als ein Begriff, der eine bestimmte, aus definierten Merkmalen sich konstituierende Erscheinung der geschichtlichen Welt kennzeichnet. Das Wort, als es zuerst in der frühen viktorianischen Zeit in England aufkommt, hat zunächst nur eine sehr vage Bedeutung. Es ist eine Ableitung aus dem Begriff des Empire, worunter das Vereinigte Königreich mit seinen überseeischen Siedlungen und Besitzungen verstanden wird, also ohne jede polemische oder gar diskriminierende Bedeutung. Erst in den Jahren des sich stärker abzeichnenden innenpolitischen Gegensatzes zwischen den Propagandisten für weltweiten Freihandel und Abbau der Präferenzzölle für die Kolonien einerseits und andererseits der Tendenz zur Stärkung und zum Ausbau des Zusammenhangs von Mutterland und überseeischen Besitzungen, also des Empire mit seinen zunehmenden Ausgaben für Militär und Flotte, beginnt das Wort Imperialismus eine polemische Färbung, anzunehmen. Dieser negative Akzent des Wortes war aber schon vorbereitet durch seine Verwendung als Charakterisierung des imperialen Stils des Regimes Napoleons III., der plebiszitären Selbstherrschaft des Kaisers und seiner auf nationalen Ruhm und Größe gerichteten Politik.

Ist aber, das Wort Imperialismus bis zum Ende der siebziger Jahre noch eine recht wenig gebrauchte Vokabel im politischen Wortschatz der Zeit (Lord Cameron 1878: "Imperialism is a newly-coined word to me"), so beginnt nun eine immer rascher fortschreitende Inflation, sowohl im Gebrauch und der Verbreitung als auch in der Vielseitigkeit der Anwendung des Schlagworts.

Wurde damit bis dahin zumeist noch eine von der öffentlichen Meinung in England mit Stolz und Begeisterung bestätigte Politik bezeichnet, so beginnt mit dem Burenkrieg und der ablehnenden Reaktion der öffentlichen Meinung in England wie im übrigen Europa die vorwiegend diskriminierende Bedeutung des Wortes das Übergewicht zu gewinnen. Jetzt beginnt eigentlich erst die pompöse Laufbahn seiner Verbreitung, zugleich aber auch die Vielseitigkeit seiner polemischen Assoziationen. In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg beginnt es im internationalen Konzert der Meinungen und der Denunziationen eine Rolle zu spielen.

In der gegenseitigen Diffamierung politischer Aspirationen wird es zu einer international benutzten Waffe, und in der allseitig sich verschärfenden internationalen Spannung wird es nicht nur auf England, sondern ebenso auf die politischen Absichten der Vereinigten Staaten, Frankreichs, Deutschlands und Rußlands gemünzt. Es wird als Streben nach grenzenloser Erweiterung der eigenen Machtsphäre verstanden. Inperialismus wird zum Titel theoretischer Untersuchungen und die währe Antriebskraft der nationalen Expansionspolitik mit ihrem ganzen militärischen, administrativen, missionarischen Gesetzen des Kapitalismus innewohnenden expansiven Dynamik entdeckt.