Die deutsche Sprache ist die tiefste, die deutsche Rede die seichteste. Karl Kraus

Der beliebte Pornograph

Georges Brassens, der bärtige Pariser Dichter und Sänger mit dem "schlechten Ruf", stellte zehn neue Chansons vor – und gab der Zeitschrift L’Express gleichzeitig einige Erklärungen über das Entstehen seiner Verse, die inzwischen sogar Gegenstand von Dissertationen geworden sind: "In meinem Kopf strömt ein Fluß, der komische Sachen mit sich führt, Blumen, Dreck, Friedhöfe, Freunde. Manchmal bleibt er stehen, und ein Bild taucht auf. Ich notiere es in einem Heft. Wenn mehrere Bilder sich ähnlich sind, vereinigen sie sich. Das ist alles." Brassens’ Liedertexte, die vor einem Jahr vom Verlag Seghers herausgegeben wurden, erreichten seitdem eine Auflage von 180 000 Exemplaren; diese Zahl, zusammen mit jener der Brassens-Schallplatten, dürfte aus dem "Pornographen des Chansons" den heute volkstümlichsten Poeten nicht nur Frankreichs machen. Eine Erklärung für diese Volkstümlichkeit gab Claude Sarraute in Le Monde, vor allem im Hinblick auf eins der neuen Lieder, in dem Brassens das Schicksal zweier seiner Onkel schildert, die beide für eine Idee starben, der eine als Kollaborateur der "Teutonen", der andere im Widerstand als Freund der "Tommies", während er, der kleine Georges, der an keine Idee glaubte, am Leben blieb: "Er nimmt nur den Faden einer wenn auch gewiß ganz persönlichen Inspiration auf, die sehr genau der Gleichgültigkeit, dem Ärger, der Gutmütigkeit, der Rührung und dem Mißtrauen des Durchschnittsfranzosen entspricht."

Berliner Festspielpläne

Der Anspruch Berlins, ein internationales Kulturzentrum zu sein, könne nur dann erfüllt werden, wenn bedeutende Ereignisse nicht nur zu einem eng begrenzten Zeitraum stattfinden – so begründete der Berliner Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, die Pläne zur Neugestaltung der zukünftigen Festwochen und Filmfestspiele. 1965 wird in der Tat eine stärkere Verteilung bringen: 8. bis 19. Mai Theaterwettbewerbe, 25. Juni bis 6. Juli Filmfestspiele, 26. September bis 12. Oktober Berliner Festwochen, Ende November Fernsehfestival. Die weiterführenden Pläne zeigen jedoch zum Teil eine entgegengesetzte Tendenz: 1966 soll eventuell das Filmfestival in den Herbst rücken (wo sich die Termine dann vermutlich drängen werden). Ebenso wichtig jedoch wie der Eifer um die zeitliche Verteilung dürfte die Sorge um das Qualitätsniveau sein oder etwa die Überlegung, ob der Ostblock nicht doch wieder beim Filmfestival vertreten sein muß. Oder hatte vielleicht Prof. Stein gar den oben zitierten Satz nicht nur auf die Festspiele bezogen wissen wollen?

Deutsche Dichter

Daß Heinrich Heine nur im Ausland gleich hinter Goethe und Schiller kommt, in Deutschland jedoch unter "ferner liefen" rangiert, dafür gibt es leider immer neue Belege. Von 1959 bis 1964 wurden, wie man den Vorlesungsverzeichnissen entnehmen kann, in der Bundesrepublik insgesamt 10 Vorlesungen und 12 Übungen abgehalten, in deren Ankündigung der Name Heines ausdrücklich erwähnt wurde. In schöner, wohl nicht ganz zufälliger Nachbarschaft mit ihm befindet sich Karl Kraus: In sechs, Jahren wurde ihm eine Vorlesung gewidmet – an der Freien Universität Berlin.