FÜR jeden, der – um gerade das vorwegzunehmen – für ganz wenig Geld ein schöngedrucktes Buch von 880 Seiten auf gutem Papier erwerben will, das eines der berühmtesten und erfreulichsten Werke der Weltliteratur ist; das große Vorbild aller kleinen Erzählungen, die Quelle unzähliger Dramen und Romane von Shakespeares Zeiten bis in unsere Tage; gleich verführerisch durch die vielfältige Abwandlung des Liebesmotivs wie durch die Unverblümtheit der Darstellung, die ihm den Beinamen "Der Erzkuppler" eingetragen hat –

Giovanni Boccaccio: "Das Dekameron", aus dem Italienischen von Karl Witte, Nachwort von Andreas Bauer; Winkler-Verlag, München; 880 S., 9,80 DM.

ES ENTHÄLT die hundert Geschichten, die zehn Damen und Herren einander an zehn Tagen des Jahres 1348 erzählten, als der Schwarze Tod in der Stadt Florenz wütete, wie in ganz Europa: hundert Geschichten von Liebe, List und Schwindel – im Stoffkreis beschränkt, aber unerschöpflich in der Gestaltung der Figuren und der Farbengebung des Hintergrundes. Die Übertragung (1827) stammt von dem großen Romanisten Karl Witte, der, ein Wunderkind, mit zehn Jahren die Universität bezog, mit vierzehn promovierte, die deutsche Dante-Forschung begründete und durch seine Meisterschaft in beiden Sprachen der heißen Sinnlichkeit, der edlen Haltung und Eleganz des Originals zum kongenialen Nachschöpfer wurde.

ES GEFÄLLT – um es nochmal zu sagen – zunächst durch Preis und Ausstattung (nur der Buchumschlag ist eine Kreuzung aus Jugendstil und Buchgemeinschaftsgeschmack; Illustrationen – in denen sich zu allen Zeiten die namhaftesten Künstler hervorgetan haben – verboten sich durch den Preis), vor allem aber durch die wahrhaft erhebende Unbefangenheit im Verfänglichen, die Noblesse im Anstößigen, die Bildung im Naiven. Boccaccio war einer der großen Gelehrten des vierzehnten Jahrhunderts, förderte das Studium der Antike, schrieb ein Leben Dantes und Kommentare zum "Inferno" – und den Reichtum der Erzählungen, auch wenn ihre Motive selbst wohl alle auf fremde Quellen zurückgehen. Selten erreichte die Gewagtheit der Erzählung solche gelassene Sicherheit, noch seltener das Unanständige diese Freiheit von allem Abstoßenden, und nicht oft gelang dem Wissen um die Bedrohtheit des Menschenschicksals diese nachzitternde Eindringlichkeit wie in der Schilderung des Unheils, in deren Rahmen diese hundert Geschichten eingespannt sind – dem Bild der Großen Pest von Florenz. E. S.