E. H., Königshofen

Die Bundesstraße 279 von Fulda nach Bamberg führt im Grabfeld im Landkreis Königshofen nahe der Zonengrenze entlang. Dort, an einer der vorletzten Ecken des Freistaates Bayern, liegen die Gemeinden Sternberg und Zimmerau, dazwischen der Büchelberg. Von der Spitze eines hölzernen, trigonometrischen Punktes blickt man tief ins Land hin, auf den Thüringer Wald jenseits, auf Coburg, Schloß Banz und den Saalegrund diesseits der Zonengrenze. Vor sechs Jahren wurde der Holzturm abgerissen. Aber die Erinnerung an die schöne Aussicht blieb.

Sie kam den Grenzbewohnern bei der Suche nach Attraktionen für den Fremdenverkehr wieder in den Sinn. So entstand der Plan, auf dem Büchelberg einen 35 Meter hohen Aussichtsturm zu errichten. Die beiden Gemeinden wollen ihn bauen, die Bewirtschaftung soll einer Brauerei übertragen werden. In luftiger Höhe, bei Kaffee und Kuchen, kann man alsbald mitleidsvoll nach "drüben" schauen.

Die Sternberger und Zimmerauer haben das Projekt freilich nicht aus purem Übermut ausgebrütet. Den Grenzgemeinden geht es schlecht. Alle Bemühungen, Industriebetriebe anzulocken, waren vergebens. Dafür floriert in den benachbarten Bädern der unterfränkischen Landschaft der Fremdenverkehr. Als nun die Kunde von dem Aussichtsturm Lauenstein im Landkreis Kronach an die Ohren der Grabfeldgauer drang, stand ihr Entschluß fest: Wenn schon 50 000 Besucher im Jahr dorthin fahren, wo der Turm nicht bewirtschaftet ist, wie viele Touristen werden erst zum Büchelberg pilgern, wo Küche und Keller wohlgerüstet sein werden? Seitdem spart die Gemeinde fleißig; die Bevölkerung versprach, freiwillig Hand- und Spanndienste zu leisten. "Ein hervorragender Blickfang für alle Passanten auf der Nord-Süd-Verbindung", sagt der zuständige Landrat von Königshofen, Dr. Karl Grünewald, voraus.

Auch die Grabfeldgauer finden das ganz in der Ordnung: "Schließlich ist das doch kein Totendenkmal, an dem man sich ernst, feierlich und würdig betragen muß. Wenn wir auch am Stacheldraht leben, müssen wir doch einmal lachen dürfen. Wir brauch’n an Fremdenverkehr."

Sie bedauern nur, daß das Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen ihren Kaffeeturm nicht für eine kulturelle, sondern für eine wirtschaftliche Einrichtung hält und der gesamtdeutsche Geldsack also geschlossen bleibt. Landrat Dr. Grünewald ist da anderer Meinung als Bonn: "Man muß das zweigeteilte Deutschland vor Augen führen. Das ist bester staatsbürgerlicher Unterricht."