Krieg und Frieden liegen im Orient dicht beieinander. Die Welt ist dort nie vor Überraschungen sicher. Über Nacht können sich in dieser Spannungszone zwischen den Großmächten die Gewichte verschieben.

Vorige Woche änderte sich das Bild gleich dreimal: Im Jemen beendete ein Waffenstillstand den zweijährigen blutigen Bürgerkrieg; am See Genezareth lieferten sich Syrer und Israelis die schwersten Gefechte seit 1962; im Norden des Irak sind die Kurden nach neunmonatiger Waffenruhe ins flache Land herabgestiegen und beginnen dort eine autonome Verwaltung aufzubauen.

Alle drei Ereignisse berühren die Interessen Ägyptens, dessen Staatschef Nasser in diesem Jahre sein Prestige als Sprecher eines revolutionären arabischen Nationalismus festigen konnte. Die Royalisten im Jemen werden zum Frieden eher bereit sein, wenn Nasser seine 40 000 Soldaten im Jemen ganz oder größtenteils zurückzieht. Die Regierung in Bagdad scheint auf militärische Hilfe Nassers zu warten, damit sie der Kurden besser Herr werden kann. Die in Syrien herrschende Baath-Partei mußte sich im Konflikt mit Israel besonders hart zeigen, damit Nassers Anhänger im Lande keinen Grund zur Kritik hatten; hinwiederum kann Nasser, der arabischen Solidarität wegen, das ihm verhaßte Regime in Damaskus gegen Israel nicht im Stich lassen.

Die Schlüsselrolle Nassers für den Krieg und Frieden in der arabischen Welt hat die britische Labour-Regierung bewogen, mit Hilfe Ägyptens die noch schwebenden britisch-arabischen Konflikte zu neutralisieren. Nasser ist Gesprächen mit England über die Lage im Jemen nicht abgeneigt Großbritannien hat bisher, im Gegensatz zu den USA und der Bundesrepublik, das Revolutionsregime im Jemen nicht anerkannt.

Mit einer neuen Regierung in Sanaa, der jemenitischen Hauptstadt, könnte London auch über die umstrittene Grenzziehung zwischen dem Jemen und der Südarabischen Föderation verhandeln. Ehe das absolutistische Regime im Jemen gestürzt wurde, beanspruchte der Imam Hoheitsrechte in Südwestarabien. 1954/55 wagte er einen Kleinkrieg mit ägyptischer und sowjetischer Waffenhilfe. Aber auch unter den Republikanern haben die Grenzzwischenfälle nicht aufgehört.

Solange Nassers Truppen im Jemen gebunden sind, kann er auch gegen die Ableitung des Jordans durch Israel militärisch nichts unternehmen. Schon auf der ersten arabischen Gipfelkonferenz im Januar drang Syrien mit seinem Antrag nicht durch, sofort in Israel einzumarschieren, falls die Israelis ihr Bewässerungsprojekt verwirklichen sollten. Ohne Unterstützung Nassers und der anderen arabischen Staaten wäre Syrien rasch verloren; israelische Panzer könnten in wenigen Stunden bis Damaskus vorstoßen. Darum werden die letzten Kämpfe, mit denen sich auch der Weltsicherheitsrat beschäftigen mußte, nicht ernster beurteilt als die vielen Zwischenfälle, die seit der Suez-Krise von den UN-Beobachtern an der Demarkationslinie festgestellt wurden.