Von Wolfgang Krüger

Was bereits im Frühjahr vorauszusehen war und von den Auguren für die letzten Wochen dieses Jahres prophezeit wurde, ist nun eingetreten. Ein großer Teil der westdeutschen Wirtschaft und dazu der gesamte öffentliche Dienst einschließlich Bahn und Post wird zur Kasse gebeten. Für nahezu sechs Millionen Arbeiter und Angestellte sind Lohnforderungen angemeldet worden. Und sie bewegen sich in Größenordnungen, von denen man glaubte, daß sie längst verklungenen Zeiten angehören.

Im vergangenen Jahr stiegen die Löhne und Gehälter um 6,1 Prozent; 1962 waren es 9 Prozent, und im Jahre 1961 erreichten die Lohnsteigerungen mit 10,3 Prozent den absoluten Höhepunkt der vergangenen zehn Jahre. In diesem Jahre soll dieser Rekord noch überboten werden, und zwar um ein gutes Stück.

Jetzt fordern die Gewerkschaften – die IG Metall für die eisenschaffende Industrie, die Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, die Gewerkschaft der Eisenbahner und die Postgewerkschaft, um nur die wichtigsten zu nennen, und die Lohnforderungen im Kohlenbergbau, die mit Lohnpolitik kaum mehr etwas zu tun haben, hier beiseite zu lassen – 9 bis 10 Prozent. Dazu ein dreizehntes Monatsgehalt; das ist, auf das Jahr bezogen, eine Lohnerhöhung um weitere 8 Prozent.

Auch wenn man berücksichtigt, daß schon jetzt eine Art Abschlagszahlung auf ein zusätzliches Monatsgehalt in Gestalt des Weihnachtsgeldes in der Wirtschaft und im öffentlichen Dienst mehr oder weniger gang und gäbe ist, also, was die effektive Belastung angeht, einige Prozent von diesen zusätzlichen 8 Prozent abzuziehen sind, dann belaufen sich die Lohnforderungen der deutschen Gewerkschaften am Jahresende 1964 noch immer auf gut und gern und alles in allem 15 Prozent!

Was ist passiert, so muß man da wohl fragen, daß sich das Gewerkschaftslager nach einer Periode relativ mäßiger Lohnforderungen plötzlich derartig rabiat zu Worte meldet?

Niemand hielt das noch vor einigen Monaten für möglich; auch die größten Optimisten haben sich geirrt: Das Jahr 1964 wird als eines der besten in die Wirtschaftsgeschichte der Nachkriegszeit eingehen.