Die Alarmrufe der Kennedys

Von Jürgen Möckelmann

Vor zwei Jahren brach in den USA plötzlich das "Marschfieber" aus. Soldaten, Studenten, ja ganze Schulklassen in allen Teilen des Landes machten sich auf die Beine und legten fünfzig Meilen zurück. Die Strecke war auf Anordnung des Präsidenten Theodore Roosevelt um die Jahrhundertwende eine Gruppe von Marinesoldaten marschiert, um ihre körperliche Tüchtigkeit zu erproben. Die "Marschbewegung" des Jahres 1962, vom ermordeten Präsidenten John F. Kennedy propagiert und von Europäern viel belächelt, hatte einen ernsten Hintergrund: die unzulängliche Leibeserziehung an amerikanischen Schulen und die daraus resultierende miserable körperliche Leistungsfähigkeit eines großen Teiles der amerikanischen Bevölkerung. Zwei Jahre später schlug der Bruder des verstorbenen Präsidenten, Justizminister Robert F. Kennedy, damals einer der 50-Meilen-Marschierer, Alarm und behauptete, der amerikanische Leistungssport bliebe hinter dem anderer Nationen zurück. Tokio scheint dies widerlegt zu haben.

War es nun blinder Alarm, den Bob Kennedy geschlagen hat? Sind doch die USA jenes Land, das immer wieder von deutschen Sportlehrern und Trainern als Sportparadies mit täglicher Turnstunde, großartigen Sportanlagen und Superathleten gepriesen wurde. Wenn man entscheiden will, ob der amerikanische Sport wirklich in einer Krise steckt oder nicht, muß man die Rolle kennen, die die Leibeserziehung und der Leistungssport im Leben der USA spielen. Niemand wird den amerikanischen Sport richtig beurteilen können, der nicht über die Bedeutung der High Schools und Universitäten für die Leibesübungen in den USA informiert ist. Sie sind nämlich der Ort, an dem nicht nur die Leibeserziehung der Jugend zu Hause ist, sondern auch die einzige Stätte, wo die Jugendlichen an den Leistungssport herangeführt werden. Jede Reform des amerikanischen Sportlebens wird hier ansetzen müssen. Das haben der verstorbene Präsident Kennedy und sein Bruder Robert deutlich erkannt, als der eine die Reform der Leibeserziehung förderte, der andere zur Reorganisation des Leistungssports aufrief.

Fluch der Automation

Der Leibeserziehung in den USA fällt bei dem bewegungsarmen Tageslauf des amerikanischen Schülers noch mehr als in Europa die Aufgabe zu, für die gesunde körperliche Entwicklung der jungen Menschen zu sorgen. Es ist bekannt, daß die USA die am stärksten motorisierte Nation der Welt sind. Die für den Europäer kaum vorstellbare Weite des Landes, die durch Suburbs sich immer weiter ausdehnenden Städte und die schlechten öffentlichen Verkehrsmittel machen hier das Automobil zum wichtigsten Verkehrsmittel. Oft hat die Hausfrau einen Zweitwagen zum Einkaufen und der halbwüchsige Sohn einen alten Gebrauchtwagen, um in die Schule zu fahren. Wenn die Schulkinder nicht von den Eltern in die Schule gebracht werden oder selbst fahren, steigen sie in den von der Stadtverwaltung kostenlos zur Verfügung gestellten Schulbus.

Es ist amüsant, wie man es an manchen Universitäten beobachten kann, wie sich nach jeder Vorlesung die Autos stauen, um die Studenten zu einem wenige hundert Meter entfernten Vorlesungsgebäude zu bringen. Die amerikanischen Geschäftsleute nutzen natürlich den Hang der Kunden zur Bequemlichkeit aus und errichten Bankschalter, an die man heranfahren kann, um seine Transaktionen vorzunehmen, Restaurants, wo man im Wagen sitzend bedient wird, und Freilichtkinos, in denen man vom Vordersitz aus, durch einen im Auto anzubringenden Lautsprecher mit Ton versorgt, auf einer Riesenleinwand das dazugehörige Bild sieht und gleichzeitig noch den angenehmen Verpflichtungen seines "date" nachkommen kann.