Ho, Wilhelmshaven

Als die Studenten der Höheren Wirtschaftsfachschule (HWF), Wilhelmshaven, erfahren hatten, daß die Landesregierung Niedersachsens ihnen auch im kommenden Jahr die seit langem geforderte Studienförderung versagen würde, zogen 200 von ihnen auf die Straße. Ihre Schlagworte lauteten: "Wer will den Tod der HWF?", "Andere blühen – wir sterben" und "Sozialdemokratische Regierung – kein soziales Land".

Ein mehrtägiger Vorlesungstreik bildete den Höhepunkt der spontan inszenierten Protestaktion. Durch sie geriet die Landesregierung in Hannover in den Ruf, auf dem Bildungsgebiet eher rück- als fortschrittlich zu sein. Der Vorfall mußte den SPD-Oberen in Hannover um so peinlicher sein, da die Bonner Sozialdemokraten in ihren vor acht Monaten verkündeten bildungspolitischen Leitsätzen von der besonderen Bedeutung der höheren Fachschule gesprochen hatten.

So beeilten sich die Hannoveraner zu betonen, die studentische Aktion sei völlig unbegründet. Die Mittel für das kommende Haushaltsjahr seien noch längst nicht vergeben. Mithin sei über Förderungsmaßnahmen für die Studenten der HWF, Wilhelmshaven, auch noch nicht entschieden. Regierungsdirektor Röhrdanz vom niedersächsischen Kultusministerium: "Wir haben uns immer um Mittel bemüht. Die Angelegenheit liegt jetzt in den Ausschüssen."

Dennoch ist erwiesen, daß Hannover es seit Jahren versäumt hat, den künftigen Betriebswirten aus Wilhelmshaven das Studium zu erleichtern. Hartnäckig verweigerten die Behörden den Studenten eine Studienförderung nach dem Muster des Honnefer Modells. Der Vorsitzende des Verbandes der Studenten an höheren Wirtschaftsfachschulen, Herbert Schneider, formulierte die Zustände in Wilhelmshaven so: "Niedersachsen läßt die anderen Bundesländer die Ausbildung seiner Betriebswirte zahlen."

Tatsächlich wandern immer mehr Abiturienten aus Niedersachsen in andere Bundesländer aus, weil ihnen dort das Studium durch staatliche Förderungsmaßnahmen gesichert wird. Während die Länder Nordrhein-Westfalen, Berlin, Bremen und Baden-Württemberg die Studenten der Höheren Wirtschaftsfachschule angemessen unterstützen, bildet Niedersachsen eine Ausnahme. Selbst die jüngsten HWF-Länder Bayern und Rheinland-Pfalz, haben die Studienförderung nahezu unter Dach und Fach.

Daß Niedersachsen sich bisher nicht zu einer angemessenen Unterstützung der einzigen Wirtschaftshochschule des Landes entschließen konnte, erbitterte die Studenten, weil gerade sie Pionierarbeit geleistet haben. Die Schule war 1958 gegründet worden, nachdem sich gezeigt hatte, daß die Wirtschaft nichtakademisch geschulte mittlere und gehobene Führungskräfte als Betriebswirte benötigte. Während aber die übrigen höheren Wirtschaftsfachschulen in der Bundesrepublik von der Aufbauarbeit Wilhelmshavens profitierten und sich der großzügigen Hilfe der Länder und Städte versichern konnten, wurde die Arbeit in Niedersachsen immer schwieriger.