Von Horst Wetterling

Die Lehrerin ist nicht nur Treuhänder der Eltern, die ihr die Kinder anvertrauen müssen, sondern auch Amtsträger des Staates, der um der Einheit unseres politischen und geistigen Daseins willen einen Anteil an der Erziehung zu wahren hat. Sie ist nicht allein Dienerin der Wahrheit, wie sie in der wissenschaftlichen Erkenntnis bereitliegt, sondern auch Repräsentantin der geistigen und gesellschaftlichen Mächte, denen sie durch Glaube, Herkunft und Bildungsgang verpflichtet ist.

Es macht zudem die Eigenart ihres Auftrages aus, daß sie gegenüber den politischen, gesellschaftlichen und geistigen Bildungsmächten der Epoche den Anspruch von Kindheit und Jugend geltend macht, also den künftigen Erwachsenen vertritt, der nicht mehr Untertan, sondern ein selbständiger, in Freiheit verantwortlicher Staatsbürger werden soll.

Was sie nun selber angeht, die Lehrerin in der Stadt und vor allem auf dem Lande – sie wird noch immer das Gefühl nicht los, doch ein Untertan zu sein. Einmal scheint der Staat, für dessen Prinzipien sie beim Lehren eintreten soll, ihr nicht gerade die Fürsorge angedeihen zu lassen, die er seinen Amtsträgern schuldet: Die "Zimmer" und die "Wohnungen", die einer Lehrerin in jenen Orten eingeräumt werden, in die sie von Staats wegen verschickt wird, reden eine deutliche Sprache.

Und dann scheinen die Vorgesetzten und schon gar die Behörde, "die da oben", nicht die rechte Art zu finden, um sie zu schützen, sich ihrer anzunehmen, ihr Verständnis für nötige Maßnahmen zu erlangen:

"Als Lehrer führt man im Grunde ein Untertanendasein, ständig ist man einem Druck von oben ausgesetzt."

"Die stärksten Bremswirkungen sehe ich darin, daß unsere Behörde uns nicht schützt. Wir sind Freiwild für alle möglichen Angriffe, und das Schulamt drückt sich."