Von Erwin Lausch

Man nehme ein altes Hemd und eine Handvoll Weizenkörner und warte 21 Tage. Nach dieser Frist sind, so behauptete Anfang des 17. Jahrhunderts Jan Baptista van Helmont, einer der bedeutendsten Chemiker seiner Zeit, aus Stoff und Körnern lebendige Mäuse entstanden. Die Zuverlässigkeit dieses Rezepts glaubte der Forscher durch Experimente bewiesen zu haben.

Die Vorstellung, daß sich aus toter Materie Lebendiges entwickeln könne, war den Gelehrten jahrtausendelang selbstverständlich. Aristoteles war überzeugt davon, daß Aale aus Schlamm und Wasser von selbst entstehen könnten. Zweitausend Jahre danach war der Glaube an eine ständig wirkende Urzeugung noch nicht erschüttert.

"Das ganze All", so schrieb 1605 der Astronom Johannes Kepler, "ist von gestaltendem Geist beseelt, der weiß, was aus jeglicher überschüssiger Materie zu machen ist; so verwandelt er den Schweiß der Menschen und Hunde in Läuse und Flöhe, den Tau in Heuschrecken, den Morast in Frösche, die Erde in Pflanzen, das Aas in Würmer, den Kot in Käfer."

Wenige Jahrzehnte später gelang Francesco Redi in Florenz, dem Leibarzt der Großherzöge von Toskana, der Nachweis, daß Fliegen nicht aus faulendem Fleisch entstehen, sondern aus Eiern, die eine Fliege in das Fleisch gelegt hat. Doch trotz immer neuer Belege setzte sich die Erkenntnis, daß Lebendiges nur aus Lebendigem entsteht, nur langsam durch. Schließlich blieben nur noch die Bakterien übrig, die "von allein" entstehen sollten. Im vorigen Jahrhundert endlich, Anfang der sechziger Jahre, ließen Versuche des Franzosen Louis Pasteur keinen Zweifel mehr daran, daß es eine Urzeugung nicht gab. Der Gedanke, Lebewesen könnten sich jederzeit aus toter Materie bilden, war begraben.

Doch genau zu diesem Zeitpunkt tauchte die Vorstellung unter einem anderen Gesichtspunkt wieder auf: Zwar war geklärt, daß eine Urzeugung heute nicht mehr stattfindet. Aber wie war das früher, in den Urzeiten der Erde?

1859 veröffentlichte der Engländer Charles Darwin sein epochales Werk "Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl". Der Gedanke der Evolution, die Lehre, daß sich alle Lebewesen einschließlich des Menschen im Laufe der Erdgeschichte allmählich aus niederen Organismen entwickelt haben, brach sich Bahn.