Diese Anschauung, die von keinem Wissenschaftler mehr bestritten wird, brachte die Urzeugung zu neuen Ehren. Verfolgen wir nämlich in Gedanken den Entwicklungsweg der Lebewesen immer weiter in die Vergangenheit zurück, so gelangen wir schließlich zu den allerersten, primitivsten Organismen, die gerade schon als Lebewesen bezeichnet werden können. Und gehen wir noch einen Schritt weiter zurück, kommen wir in jenes Stadium der Evolution, in dem aus toter Materie lebende Substanz entstanden sein muß.

Kein Zeugnis kündet von dieser bedeutsamen Entwicklungsstufe in der Geschichte unserer Erde. Und doch haben Wissenschaftler im letzten Jahrzehnt eine erstaunliche Anzahl von Prozessen, die der Entstehung des Lebens vorausgegangen sein müssen, aufklären und sogar "unter Urweltbedingungen" nachvollziehen können.

Eine Fülle von Fragen stellte sich den Erforschern der Lebensanfänge, bevor sie die ersten Experimente einleiten konnten. Welche Zeiträume standen für die Prozesse zur Verfügung, die zur Entstehung des Lebens führten und die heute als "chemische Evolution" bezeichnet werden? Wie sah es damals auf der Erde aus? Unter welchen Bedingungen also mußten Experimente angesetzt werden? Schließlich auch: Was ist eigentlich Leben? Welche Stufe muß ein System erreicht haben, will man es als "lebendig" ansprechen?

Einer der verdientesten Forscher auf diesem Gebiet, der amerikanische Nobelpreisträger Professor Dr. Melvin Calvin, Ordinarius für Chemie und Molekularbiologie an der Universität Berkeley in Kalifornien, forderte von einem System, das als lebend bezeichnet werden kann, zweierlei:

  • Es muß erstens in der Lage sein, Energie in geordneter Weise umzuformen und zu übertragen, es muß also einen Stoffwechsel besitzen.
  • Es muß zweitens über die Fähigkeit verfügen, sich an diese Leistungen zu erinnern, nachdem es sie einmal gelernt hat, und muß diese "Information" auf ein anderes, ihm selbst ähnliches System, das es selbst hervorbringt, übertragen können. Kurz: Ein lebendes System muß neben dem Stoffwechsel das Phänomen der Vererbung aufweisen.

Die ältesten sicheren Spuren vergangenen Lebens, die in den Gesteinen der Erde aufgespürt wurden, stammen aus der Zeit vor rund einer Milliarde Jahren. Damals schon war die Erde keineswegs mehr jung. Nach den heutigen Vorstellungen entstand sie vor 4,7 Milliarden Jahren, aber es ist nicht ausgeschlossen, daß sie noch älter ist. Für die chemische Evolution, die Entwicklung zum ersten echten Lebewesen, stand also mehr Zeit zur Verfügung, als für die Entwicklung vom primitivsten Einzeller zum Menschen erforderlich war.

Und wie sah es auf der Erde aus, als sich die Vorstufen des Lebens entwickelten? Auf Grund astronomischer Beobachtungen nehmen die Wissenschaftler an, daß sich damals die Atmosphäre unseres Planeten von der heutigen Lufthülle wesentlich unterschied. Sie enthielt keinen freien Sauerstoff – der wurde erst durch die Tätigkeit der Pflanzen freigesetzt – und bestand aus Wasserstoff, Methan, Ammoniak und Wasser. "Wir erkennen in diesen Substanzen das wesentliche Material wieder", erläuterte Calvin, "das noch heute die Energiequellen und den Rohstoff für den Aufbau lebender Organismen bildet."