Es mag sein, daß sogar Fliegen ein wenig lieben, hassen, leiden und sich ängstigen." Mit diesem Ausspruch trat jetzt der Tierpsychologe Professor Vincent G.Dethier der weit verbreiteten Meinung entgegen, Insekten wären absolut gefühlslose kleine Maschinen mit einem festen Inventar unveränderlich "programmierter" Instinkte.

Die gegenwärtige mechanistische Auffassung vom Insekten-Roboter ist nach Ansicht des an der Pennsylvania-Universität lehrenden Zoologen in erster Linie eine Reaktion gegen das viel zu weit gehende Vermenschlichen der Tiere im Stile der "Biene Maya". Das Pendel sei aber zu sehr ins andere Extrem geschlagen.

"Mit den immer wieder zitierten Experimenten begnügt man sich, um die These von der Gefühlslosigkeit des Insekts zu untermauern", erklärt der Gelehrte: Setzt man zum Beispiel eine Biene an eine Honigschale, so kann man dem begierig saugenden Tier mit einer Schere den gesamten Hinterleib abschneiden, ohne daß es davon etwas spürt. Pausenlos saugt die Biene weiter, obwohl der Honig gleich wieder an der durchtrennten Taille heraustropft. Auch das Gottesanbeter-Männchen, das schon während der Hochzeit von seinem Weibchen zu zwei Dritteln aufgefressen wird und dennoch unbeirrt in der Kopulation fortfährt, galt als Beweis dafür, daß Insekten keinen Schmerz empfinden, da sie ja nicht einmal auf Amputationen reagieren.

In den erwähnten Fällen mag das auch zutreffen, in anderen Situationen aber sicher nicht. Hierfür nennt Professor Dethier zahlreiche Beispiele: Einen elektrischen Schlag empfinden Küchenschaben zweifellos als unangenehm, denn sie lernen schon nach kurzer Zeit die Kontakte zu meiden. Andere Insekten, die man verletzte, elektrisierte oder leicht vergiftete, schieden sofort Hormone in ihre Blutbahnen aus – eine der Adrenalin-Ausschüttung beim erregten Menschen vergleichbare Reaktion. So etwas wie Heimweh bekommen Bienen, die man an einer Blüte fängt und in einen Käfig sperrt. Nach kurzer Zeit treten chemische Substanzen im Blut der Insekten auf, die sie in einen Zustand der Panik versetzen. Läßt man die Bienen nicht wieder frei, dann gehen sie innerhalb von wenigen Stunden an den Folgen dieser "nervösen Zerrüttung" zugrunde.

Da man den chitingepanzerten "Rittern" kaum Gemütsbewegungen ansehen kann, benutzt der amerikanische Zoologe seit 1959 eine Art Lügendetektor, um die Emotionen der Insekten an der Nervenaktivität zu registrieren. Mit einer Elektrode, die so dünn ist, daß tausend Stück davon eine Stecknadelspitze ausfüllen würden, zapfte er verschiedene Regionen des Insektenhirns an und zeichnete die Hirnströme auf, während das lebende Tier gereizt wurde. Die Ergebnisse sind zur Zeit noch zu verwirrend, um eine Theorie darauf zu gründen. Sie geben aber einen weiteren Anhaltspunkt dafür, daß ein Insekt mehr ist als nur eine gefühlslose Maschine der Natur. "Wenn ich den steif gepanzerten Körper sehe, die starren Augen und die stummen Bewegungen, so reizt mich das gerade zu erforschen, ob nicht doch irgend etwas Wesenhaftes dahintersteckt", sagt der Wissenschaftler.

Ob es nun wirklich Liebe ist, wenn eine Schlüpfwespe ihre Brut unter Lebensgefahr gegen Feinde verteidigt, oder Haß, wenn Hornissen aus einem zerstocherten Nest "wütend" heraussummen, oder ob es Kummer ist, wenn eine verirrte Ameise wie gelähmt stehen bleibt – "das ist natürlich unentscheidbar, zumal wir für diese Begriffe keine vernünftigen Definitionen besitzen", sagt Professor Dethiers. Immerhin lassen die Ergebnisse seiner Hormon- und Hirnstrommessungen erkennen, daß "einige Komponenten unserer sogenannten Gefühlsregungen auch den Insekten eigen sind". V. D.