Von Hildegard Hamm-Brücher

Bildungsforschung, Bedarfsfeststellungen und Bildungsplanung, das sind die drei unerläßlichen Voraussetzungen moderner Bildungspolitik. Leider hatten alle drei in der Bundesrepublik keinen leichten Start, und bis zum heutigen lag werden sie noch in nicht wenigen Kultusbehörden mit unverhohlener Abneigung betrachtet. Andere Bildungsverantwortliche empfinden sie als ein aufgezwungenes Ärgernis und nicht als eine Hilfsmöglichkeit von genau voraussehbarem Wert. Aber auch sonst sind wir wohl noch weit davon entfernt, die Möglichkeiten, die Bildungsforschung und Bildungsplanung für die künftige Entwicklung unseres Bildungswesens bieten, unvoreingenommen nutzbar zu machen.

Dieser Eindruck hat sich durch einige Einblicke in die bildungspolitische Generalstabsarbeit der Sowjetunion sorgenvoll .verstärkt. Mein erster diesbezüglicher Besuch galt der "Akademie der Pädagogischen Wissenschaften", dem brain trust und gleichzeitig dem Organisationszentrum der Bildungsforschung. Diese Akademie gehört zusammen mit vielen anderen Einzelakademien zum Dachverband der sowjetischen Akademie der Wissenschaften. Damit genießt die Pädagogik (und ihre wissenschaftlichen Ableger) als verhältnismäßig junge Disziplin wissenschaftlich das gleiche Ansehen wie ihre klassischen Geschwister. Außerdem stärkt sie ihre Position durch international beachtete Beiträge und Forschungen ihrer Mitglieder.

In neun großen Instituten, deren Äußeres nach unseren Vorstellungen einen hoffnungslos veralteten Eindruck macht, ja gelegentlich heruntergekommen wirkt, wird sowjetische Bildungsforschung als"big-science" betrieben. Die Akademie hat über 400 ständige wissenschaftliche Mitarbeiter, außerdem korrespondierende Mitglieder an pädagogischen Hochschulen, an anderen Universitäten und Akademien; auch Schulleiter, Fachlehrer, Schulaufsichtsbeamte in Stadt und Land zählen zu ihren Mitarbeitern. Die Aufgaben der Akademie sind auf zahlreiche Institute verteilt. Folgende wurden mir bekannt: Institut für allgemeine und polytechnische Bildung – für Psychologie – für Körperkultur – für behinderte Kinder – für künstlerische Erziehung – für Werkausbildung – für Abend- und Schichtschulen – für Vorschulinstitutionen (Kindergärten) und für Geschichte und Theorie der Pädagogik.

Ich möchte nicht meinen, daß die wissenschaftliche Themenstellung dieser Institute völlig "frei" ist, hatte aber nicht den Eindruck, daß sie ideologisch oder parteipolitisch so eingeengt wird, wie wir uns das manchmal unter sowjetischer Wissenschaft vorstellen. Die Ergebnisse der Forschungsarbeiten werden in akademie-eigenen Fachzeitschriften und Verlagen veröffentlicht, außerdem werden die Konsequenzen aus den Ergebnissen in Form von Empfehlungen an das Volksbildungs- oder an das Hochschulministerium weitergeleitet. Der ständige Draht zwischen beiden Institutionen scheint recht gut, aber auch nicht ohne Spannungen zu sein. Während sich die Akademie zum Beispiel mit dem Stand der Lehrerbildung oder der Verwirklichung der Schulreform von 1958 noch nicht recht zufriedenzugeben scheint, zeigt sich die Politik gelegentlich ungeduldig über die langen Zeiträume und die Ergebnisse der Bildungsforschung. Obgleich man nicht an Wunder glaubt: im Schulwesen wünschte man sie sich doch!

Nach diesen allgemeinen Informationen besuchte. ich zwei dieser Institute, das für die "Theorie der Abendmittelschulen und das für "Theorie und Geschichte der Pädagogik", besonders gründlich. Ich sprach mit den zuständigen Direktoren, Abteilungsleitern, besichtigte dazugehörige Versuchsschulen und versuchte, mir ein Bild von der Art der Zusammenarbeit zwischen theoretischer Forschung und Schulpraxis zu machen. Über das erstgenannte Institut werde ich in einem gesonderten Artikel berichten, für diesmal beschränke ich mich auf das Institut für Geschichte und Theorie der Pädagogik samt seinen Unterabteilungen, als da sind: "Grundlagen der Pädagogik", "Schulkunde", "Geschichte der Pädagogik", "Erziehungsaufgaben der Schule", "Kollektiv und Persönlichkeit".

Abgesehen von der letztgenannten Erziehungsforschung wird im Institut alles vorbereitet, was wir als "innere Schulreform" bezeichnen würden. Die größte Aufmerksamkeit gilt im Augenblick dem Übergang von der strengen Lernschule der Stalin-Ära in eine moderne Lern- und Arbeitsschule. Außerdem wird seit sieben Jahren eine umfassende Unterstufenreform vorbereitet, die zum Ziele hat, die vier ersten Grundschuljahre ohne größere Belastung der Kinder, aber durch eine andersartige Aufbereitung der Lehrpläne auf drei Jahre zu verkürzen. Versuche dieser Art laufen seit Jahren im ganzen Lande, zunächst an ausgesuchten Schulen mit ausgesuchten Lehrern, seit zwei Jahren aber auch an ganz durchschnittlichen Schulen ohne besondere Auswahl der Lehrer.