Es war billig im August: die unentbehrliche Sonne, die Korallenriffe, die Bambus-Bar und die Kalypsos – alles zu ermäßigten Preisen, wie leicht schmuddelige Unterwäsche im Ausverkauf. Große Gruppen kamen in regelmäßigen Abständen an aus Philadelphia, wie Schulklassen auf einem Ausflug, und fuhren mit weniger Eklat wieder ab nach genau einer erschöpfenden Woche, wenn das große Picknick vorbei war. Etwa vierundzwanzig Stunden waren das Schwimmbecken und die Bar beinahe menschenleer, und dann kam ein neuer Schulausflug, diesmal aus St. Louis. Jeder kannte jeden: Sie waren in einem Bus zusammen nach einem Flughafen gefahren, sie waren zusammen geflogen, zusammen hatten sie den ausländischen Zoll über sich ergehen lassen; tagsüber trennten sie sich meistens, und nach Einbruch der Dunkelheit begrüßten sie einander dann lärmend und launig, wobei sie ihre Erlebnisse austauschten: die Stromschnellen, der Botanische Garten, das spanische Fort. "Das machen wir morgen."

Mary Watson schrieb an ihren Mann in Europa: "Ich mußte eine Weile raus, und es ist so billig im August." Sie waren jetzt zehn Jahre verheiratet und hatten sich in dieser ganzen Zeit nur dreimal getrennt. Er schrieb ihr jeden Tag, und die Briefe kamen zweimal in der Woche an, in kleinen Bündeln. Sie ordnete sie wie Zeitungen nach dem Datum und las sie in der richtigen Reihenfolge. Sie waren zärtlich und genau: Er hatte mit seinen Forschungen zu tun, Vorlesungen auszuarbeiten und Briefe zu schreiben, da blieb wenig Zeit, Europa kennenzulernen – "dein Europa", wie er es immer nannte, als ob er ihr versichern wollte, daß er nicht vergessen habe, welches Opfer sie gebracht haben mußte, als sie einen amerikanischen Professor aus Neu-England heiratete; aber manchmal entschlüpften ihm doch auch kleine kritische Bemerkungen über "ihr Europa" – die Mahlzeiten waren zu schwerverdaulich, die Zigaretten zu teuer, es gab zu oft Wein, und es war schwer, zum Mittagessen Milch zu bekommen – was wohl darauf hindeutete, daß sie schließlich die Größe ihres Opfers auch nicht übertreiben dürfe. Vielleicht wäre es gut gewesen, wenn James Thomson, den ihr Mann gerade zu seinem Spezialgebiet gemacht hatte, sein großes Gedicht "Die Jahreszeiten" in Amerika geschrieben hätte statt in England – ein amerikanischer Herbst war, das mußte sie zugeben, schöner als ein englischer.

Mary Watson schrieb ihm jeden zweiten Tag, aber manchmal nur eine Postkarte, und sie wußte oft nicht mehr so recht, ob sie die gleiche Postkarte nicht schon einmal geschickt hatte. Sie schrieb im Schatten der Bambus-Bar, wo sie jeden sehen konnte, der auf dem Wege zum Schwimmbecken vorbeikam. Sie schrieb wahrheitsgemäß: "Es ist so billig im August; das Hotel ist noch nicht einmal halb voll, und die Hitze und die Feuchtigkeit machen einen sehr müde. Aber natürlich, es ist mal was anderes." Sie wollte nicht allzu anspruchsvoll erscheinen; sie hatte längst gelernt, das Gehalt, das ihr aus europäischer Sicht früher einmal astronomisch erschienen war für einen Professor der Literaturgeschichte, in der richtigen Größenordnung zu sehen, wie sie durch den Preis von Steaks und Salat festgelegt wird – sie mußte also schon ein bißchen Begeisterung zeigen, damit das Geld, das sie in seiner Abwesenheit ausgab, nicht verschwendet wirkte. Sie schrieb daher auch über die Blumen im Botanischen Garten – bis dorthin hatte sie sich eines Tages wirklich einmal vorgewagt – und, nicht ganz so wahrheitsgemäß, über ihre Freundin Margaret, die aus "ihrem England" geschrieben und den Wunsch geäußert habe, bei ihr zu sein; über den wohltuenden Einfluß, den die Sonne und das faule Leben ausübten auf diese Margaret, von der sie selber sich freilich eingestehen mußte, daß man sie nicht sehen, daß man nur an sie glauben konnte. Aber schließlich glaubte Charlie ihr alles. Sogar gute Eigenschaften können, wenn allzu lange Zeit darüber hingeht, zum Vorwurf werden. Wenn man zehn Jahre lang glücklich verheiratet war, dachte sie, unterschätzt man den Wert von Sicherheit und Ruhe.

Sie las Charlies Briefe mit großer Aufmerksamkeit. Sie hätte so gern eine Unstimmigkeit darin gefunden, eine Ausflucht, ein paar Stunden, deren Schilderung nicht überzeugte. Selbst eine ungewöhnlich heftige Liebesbeteuerung hätte sie befriedigt, denn solche Heftigkeit hätte ja als Kompensation eines Schuldgefühls gedeutet werden können. Aber sie konnte sich wirklich nicht einreden, daß auch nur das geringste Schuldgefühl aus Charlies ungebrochen dahinfließenden Informationen sprach. Sie rechnete sich aus, daß er als einer jener Dichter, mit denen er jetzt so intensiv befaßt war, schon während der ersten beiden Monate in "ihrem Europa" ein gar nicht kurzes Epos zustande gebracht hätte, und dabei waren die Briefe schließlich nur seine Freizeitbeschäftigung. Sie füllten die freibleibenden Stunden, da gab es dann ganz gewiß keinen Platz mehr für etwas anderes. "Es ist zehn Uhr abends, draußen regnet es, und die Temperatur ist ziemlich niedrig für August, nicht mehr als zwölf Grad. Wenn ich Dir gute Nacht gesagt habe, mein Liebes, gehe ich glücklich ins Bett und denke an Dich. Morgen habe ich einen langen Tag in der Bibliothek vor mir, und am Abend muß ich mit den Wilkinsons essen, die auf dem Wege von Athen hier durchkommen. Du erinnerst Dich doch an die Wilkinsons?" (Gewiß, sie erinnerte sich, ein bißchen.) Sie hatte sich manchmal gefragt, ob sie vielleicht eine kleinwinzige Andersartigkeit bemerken würde, wenn Charlie nach seiner Rückkehr zum erstenmal wieder mit ihr schlief, eine Andersartigkeit, die darauf hindeutete, daß sie für ihn nicht die letzte Frau gewesen war. An diese Möglichkeit glaubte sie jetzt nicht mehr, und was sollte es, der Nachweis käme doch zu spät – was half es ihr jetzt, wenn sie später einen Entschuldigungsgrund fände? Sie brauchte ihren Entschuldigungsgrund sofort, leider nicht für etwas, das sie bereits getan hatte, sondern nur für eine Absicht: die Absicht, Charlie zu betrügen; die Absicht, ein Ferienabenteuer zu genießen wie so viele ihrer Freundinnen (den Plan hatte sie im Augenblick gefaßt, als die Frau des Rektors zu ihr sagte: "Es ist so billig in Jamaica im August").

Das Dumme war: Drei Wochen Kalypsos an feuchtwarmen Abenden hatte sie erlebt. Rumpunsch (sie mußte sich schließlich ihren Widerwillen dagegen eingestehen), warme Martinis, das unvermeidliche Fischgericht und zu allen Mahlzeiten immer Tomaten – nicht erlebt hatte sie ein Abenteuer, keine Spur davon. Zu ihrer Enttäuschung hatte sie die Entdeckung gemacht, wie durch und durch moralisch es an einem Urlaubsort in der billigen Nachsaison zugeht; da gab es keine Gelegenheiten zur Untreue, da gab es nur Postkarten mit weitem, glänzend blauem Himmel und ebensolchem Meer für Charlie. Einmal hatte sich eine Frau aus St. Louis allzu offensichtlich ihrer erbarmt, als sie allein in der Bar saß und Postkarten schrieb. Sie hatte sie eingeladen, doch mitzukommen zum Botanischen Garten, nach dort wollte die Gesellschaft aus St. Louis gerade aufbrechen. "Wir sind ein irrsinnig fröhlicher Verein!", hatte sie mit breitem Kürbislächeln gesagt. Mary antwortete, um die Ablehnung deutlich zu machen, mit einem übertrieben englischen Akzent und erklärte, sie mache sich nichts aus Blumen. Das hatte die Frau so erschüttert, als ob Mary gesagt hätte, sie mache sich nichts aus Fernsehen. An den Kopfbewegungen am anderen Ende der Bar, am aufgeregten Klirren der Coca-Cola-Gläser konnte Mary ablesen, wie ihre Worte die Runde machten. Später bemerkte sie dann immer wieder abgewandte Köpfe, bis schließlich auch der fröhliche Verein den Flughafenbus bestiegen hatte, um nach St. Louis zurückzukehren. Sie war eine Engländerin, sie hatte sich von oben herab über Blumen geäußert, und da sie sogar lauwarme Martinis noch lieber trank als Coca-Cola, war sie wahrscheinlich in ihren Augen auch dem Trunk verfallen.

Die meisten dieser fröhlichen Vereine hatten das eine gemeinsam: Männer waren ihnen nicht zugeteilt. Vielleicht war das auch der Grund dafür, daß diese Damen sich nicht einmal bemühten, einigermaßen attraktiv auszusehen. Enorme Hinterteile enthüllten all ihre Entsetzlichkeit in großgemusterten Bermuda-Shorts. Die Kopfe wsren in Tücher gehüllt, welche die nicht einmal zum Mittagessen entfernten Lockenwickler verbergen sollten, die dann wie kleine Maulwurfshügel in die Gegend ragten. Tag für Tag sah sie diese Hinterteile vorbeiwackeln wie Nilpferde auf ihrem Weg zum Wasser. Nur am Abend geruhen die Damen sich umzuziehen, an Stelle der ungeheuerlichen Shorts legten sie ungeheuerliche Baumwollkleider an mit malvenfarbenen oder scharlachroten Blumen, um auf der Terrasse ihr Diner einzunehmen, für das Abendkleidung vorgeschrieben war und bei dem die paar Männer, die auch erschienen, Smoking und Schleife tragen mußten, obwohl das Thermometer auch nach Sonnenuntergang noch immer fast dreißig Grad anzeigte. Da es so aussah mit dem Angebot an Weiblichkeit, wie konnte man auf männliche Nachfrage hoffen? Nur alte, gebrochene Ehemänner gab es da zuweilen zu sehen, die im Schlepptau zu einem Laden gezogen wurden, der Freihafen-Preise versprach.

Während der ersten Woche hatte sie sich noch ermutigt gefühlt durch den Anblick von drei jungen Männern mit Crewcut, die an der Bar vorbei nach dem Schwimmbecken gingen und Herren-Bikinis trugen. Diese Männer waren natürlich viel zu jung für sie, aber in ihrer Stimmung hätte sie ganz altruistisch auch am Vergnügen anderer ihren Spaß gehabt. Romantische Gefühle sollen ja ansteckend sein. Wenn im Kerzenlicht des nicht ganz so förmlichen Cafés ein paar verliebte junge Paare auszumachen gewesen wären, wer weiß denn, ob nicht auch Männer reiferen Alters sich dadurch angeregt gefühlt hätten. Aber ihre Hoffnungen schwanden dahin. Die jungen Männer kamen und gingen wieder, ohne die Bermuda-Shorts und das lockengewickelte Haar auch nur eines Blickes zu würdigen. Warum sollten sie auch bleiben? Sie waren ja viel schöner als alle Mädchen, die es hier gab. Und sie wußten das.