Von Dietrich Strothmann

Eine scheinbar absurde Frage: Was geschieht, wenn eines Tages Adolf Hitler wieder auftauchen sollte? Offiziell ist er tot. Vor dem Amtsgericht Berchtesgaden sagte im Oktober 1956 sein Fahrer Kempka aus: "Er hatte sich am 30. April 1945 erschossen. Es war 15.30 Uhr. Ich goß Benzin über ihn und zündete es an." Auch das Nürnberger Militärtribunal zweifelte nicht am Tod des "Führers". Beweis: Er erhob keine Anklage gegen ihn.

Zwanzig Jahre später lautet die Antwort auf die Frage, würde Hitler, kehrte er nach Deutschland zurück, vor Gericht gestellt werden können: Nein. Am 8. Mai 1965, so entschied die Bundesregierung Anfang November, läuft die Verjährungsfrist für Mord ab. Von diesem Tag an können nur noch jene NS-Verbrecher angeklagt werden, gegen die inzwischen eine richterliche Untersuchungsmaßnahme erfolgt ist. Jeder andere aber kann sich in Zukunft vor aller Öffentlichkeit damit brüsten, etwa 1944 als Mitglied des Minsker Einsatzkommandos Tausende von Juden erschossen zu haben, ohne daß ihm etwas geschieht. Auch einem Adolf Hitler könnte kein Staatsanwalt etwas anhaben. Gegen ihn läuft kein Verfahren, die Frist der Verjährung seiner Untaten ist bis heute durch keinen Haftbefehl unterbrochen worden. Stünde er plötzlich unter uns – er wäre ein freier Mann. Welch düstere Vorstellung!

Hitlers Tod ist gar nicht so eindeutig erwiesen. Damals, in den letzten Tagen der Reichskanzlei, gab es viele prominente Tote, die später wieder lebendig waren. Adolf Eichmann, der in Argentinien aufgespürt wurde, ist einer von ihnen. Auch Martin Bormann, dessen Tod 1954 ebenfalls in Berchtesgaden amtsgerichtlich festgestellt wurde, soll sich in Südamerika versteckt halten; gegen ihn ("zur Zeit unbekannten Aufenthaltes") läuft aber seit 1961 ein Haftbefehl, zu seiner Ergreifung setzte die Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft jetzt sogar eine 100 000-Mark-Prämie aus.

Um einen Mann wie Martin Bormann geht es indessen gar nicht in jenem heftigen Streit, der um die Verjährungsfrist entbrannt ist. Er, wie auch die KZ-Ärzte Mengele und Schumann, wie der Gestapo-Chef Heinrich Müller, wie der Eichmann-Mitarbeiter Brunner und der Gaswagen-Einsatzleiter Rauff, kämen auch nach dem 8. Mai 1965 vor den Richter, wenn sie auftauchten. Ihre Namen stehen in den deutschen Fahndungslisten. Aber die vielen hundert anderen, deren Mordtaten heute noch unbekannt sind, die gingen straffrei aus.

Für viele Juristen, für manche Politiker ist das eine Tatsache, mit der sie sich nicht abfinden können. Auch Bundeskanzler Erhard sträubte sich gegen die Einhaltung des Stichtages; in der Kabinettssitzung jedoch, in der die Entscheidung gefällt wurde, vermochte. er sich nicht durchzusetzen. Es bleibt wohl dabei: Am 8. Mai 1965 endet die 20-Jahres-Frist für "Strafen, die mit lebenslangem Zuchthaus bedroht sind".

Wie, um sich selber reinzuwaschen, richtete die Bundesregierung an alle Staaten einen letzten dringenden Appell, alles verfügbare Material über NS-Verbrechen den deutschen Strafverfolgungsbehörden rechtzeitig zur Verfügung zu stellen. Ein später Aufruf, kurz vor Toresschluß.