Auf jeden Fall wird es der Regierung nicht gelingen, die Angelegenheit so sang- und klanglos zu "bereinigen". Schon haben die Abgeordneten Gerhard Jahn (SPD) und Ernst Benda (CDU) angekündigt, daß die strittige Verjährungsfrist im Bundestag zur Sprache kommen werde. Schon laufen in Bonn die Proteste ausländischer Regierungen und Widerstandsgruppen ein. Bonn fehle es an "verantwortungsbewußtem Feingefühl", quittierte Israels Vizeministerpräsident Abba Eban die Fristkündigung, seine Regierung sei darüber "zutiefst entrüstet und enttäuscht". Die Front derer, die eine Verlängerung der Verfolgungszeit verlangen, schließt sich immer enger zusammen. Wie lauten ihre Argumente?

Da gibt es jene – wie Simon Wiesenthal, den Eichmann-Jäger, oder Robert Kempner, den stellvertretenden US-Chefankläger von Nürnberg –, die an Hand von Zahlen nachzuweisen versuchen, daß bisher noch zu viele Untaten ungesühnt blieben. An den Massenmorden der NS-Zeit, so errechnete Wiesenthal, waren 35 000 Personen als Täter beteiligt. Seine Nachforschungen ergaben – zudem, daß 250 totgesagte NS-Führer noch leben – unter falschen Namen. Kempner schätzt, daß sich noch rund 10 000 Mörder auf freiem Fuß befinden. Einige Tatkomplexe seien noch nicht geprüft worden, so die Erschießung von 4000 Priestern. Kempner kam zu dem Schluß: "Es ist wie bei einem Eisberg – sechs Siebentel sind unsichtbar, im Dunkel, und sie sind ebenso gefährlich, wenn nicht gefährlicher als das sichtbare Siebentel."

Indirekt bestätigt wurden diese Angaben und Ansichten durch die jüngste Mitteilung des Präsidenten des Obersten Gerichtes der DDR, Töplitz: In den Potsdamer Archiven, so behauptet er, lagerten noch so viele Dokumente, daß es unmöglich sei, sie bis zum kommenden Mai durchzusehen. Zur gleichen Zeit veröffentlichte der Ostberliner "Nationalrat der Nationalen Frcnt" Belastungsmaterial über 122 ehemalige Sonder- und Kriegsrichter, die in Westdeutschland noch in Amt und Würden sein sollen.

Bei diesen hohen Zahlen müssen freilich ernste Zweifel angemeldet werden: In der Regel handelt es sich hier um "Mörder im letzten Glied" oder untergeordnete "Schreibtischtäter", die kaum mit einer hohen Strafe zu rechnen haben. Die gleichen Bedenken muß man allerdings auch den sehr niedrigen Zahlen, wie sie von der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen (Ludwigsburg) publiziert werden, entgegenbringen.

In die Materie eingeweihte Juristen glauben nicht, daß die von Oberstaatsanwalt Erwin Schule, dem Leiter von Ludwigsburg, genannten Ermittlungsergebnisse Anlaß zur Zufriedenheit geben. Schule, der eine Fristverlängerung ablehnt, erklärte erst kürzlich nicht ohne Stolz: "Der in Frage kommende Täterkreis ist durch juristische Konstruktionen so abgedeckt, daß kein Nazi-Verbrecher in den Genuß der Verjährung kommen wird." Auf Grund seiner Untersuchungen meldete daher Bonn unlängst, daß 99 Prozent der Mörder registriert seien; die "Dunkelziffer" sei also geringer "als bei der allgemeinen Kriminalität" (Schüle). Die Ludwigsburger Zentrale, die noch im Frühjahr 1965 ihre Arbeit beenden will, ermittelte seit 1958 gegen insgesamt 6000 Verdächtige; die Zahl jener, denen in den nächsten zehn Jahren noch in den rund 750 anhängigen Verfahren der Prozeß gemacht wird, liegt nach vorsichtigen Schätzungen bei 2000.

In all diesen Fällen handelt es sich vor allem um "Exzeß-Täter", die Menschen bestialisch töteten oder eigene Befehlsgewalt besaßen. Unerforscht blieb bisher der Komplex der sogenannten "Mörder mit den weißen Handschuhen", zu ihm gehören das Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der SS, das Auswärtige Amt, die Reichministerien für Inneres, Justiz und Verkehr, die Parteikanzlei des "Führers" und Rosenbergs Ostministerium. Sie alle waren an der Vorbereitung und Durchführung der "Endlösung" beteiligt. Ihre zuständigen Beamten sind zumindest der Beihilfe zum Mord verdächtig. Selbstverständlich wird nicht gegen die Stenotypistin, die Deportationsbefehle abschrieb, oder gegen den Weichensteller, der die Viehwaggonzüge nach Auschwitz dirigierte, vorgegangen. Die höheren Chargen sollen jedoch jetzt zur Verantwortung gezogen werden. Dafür bleiben allerdings nur noch fünf Monate Zeit, in denen unter Führung der Ludwigsburger Zentrale mehrere Staatsanwälte diese Bereiche unter die Lupe nehmen sollen.

Kenner des bürokratischen Mord-Apparates wissen, daß sich in Warschau, Prag und Potsdam die Akten stapeln, die noch nicht bearbeitet worden sind. Einer der Gutachter im Treblinka-Prozeß, der in Polen Material suchte, berichtete: "Wir finden alle 14 Tage was Neues. Nicht einmal die polnischen Archivverwalter wissen, was in ihren Kellern alles noch liegt." Und der Westberliner Generalstaatsanwalt Günther, der seit einem Jahr mit elf Staatsanwälten die Dokumentenbestände des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) prüft, gestand: "Es ist fast abenteuerlich, daß dies alles erst 19 Jahre nach Kriegsende aufgerollt wird." Auch er will sich beeilen, daß die Ermittlungen gegen mehrere hundert Verdächtige aus dem RSHA noch vor dem 8. Mai 1965 abgeschlossen werden können. "Gerechtigkeit ist Glückssache", sagte Günther mit einem Anflug von Resignation.