Hinzu kommt, daß der justizlose Zustand nach der Kapitulation nicht generell aufgehoben wurde, sondern fast jedes Gericht zu einem anderen Zeitpunkt seine Tätigkeit wieder aufnahm, daß die Besatzungsbehörden damals nur eine "Quasi-Justiz" zuließen und nur von Fall zu Fall deutschen Richtern die Ermächtigung erteilten, NS-Verbrecher abzuurteilen. Abgesehen von diesen grundsätzlichen Vorbehalten gegen eine voreilige Terminfestsetzung (die 1956 von den Alliierten bestimmt und im "Überleitungsvertrag" festgelegt wurde) weisen die Kritiker der Bonner Entscheidung auch zu Recht darauf hin, daß in den Jahren von 1955 bis 1958 keine Prozesse abgehalten wurden. Damals herrschte eine "Verschwörung des Schweigens". Auch das Justizministerium räumt in seiner jüngsten Veröffentlichung ein, daß sich in jener Zeit bei den Behörden die "irrige Ansicht" durchgesetzt hatte, den "Gesamtkomplex bereits bewältigt zu haben".

Erst mit dem Einsatzkommando-Prozeß im Sommer 1958 in Ulm, dem ersten seiner Art, begann die systematische Verfolgung von NS-Verbrechen. Das Ulmer Verfahren löste damals bei den Justizverwaltungen einen solchen Schock aus, daß sie sofort die Ludwigsburger Zentralstelle gründeten. Bis dahin wiegte man sich in dem Glauben, die Mörder seien bereits alle in Nürnberg und vor den anderen Militärgerichten abgeurteilt worden. Sollen nun etwa, so fragen die Gegner der Mai-Frist, die noch nicht gefaßten Täter von diesem Versäumnis profitieren?

Diejenigen, die gegen eine Verlängerung der Verjährungsfrist sind, führen die altbekannten Thesen ins Treffen: es müsse endlich einmal ein Schlußstrich gezogen werden, der Mantel des Vergessens sollte über den Genocid, den Völkermord, gebreitet werden. Es ginge nicht an, so zetern die trutzigen Helden, immer wieder das eigene Nest zu beschmutzen. Man solle endlich Gras über das Vergangene wachsen lassen; dies alles sei ja doch nichts anderes als eine neue Entnazifizierung, und schließlich stellten ja auch die Siegermächte ihre "Verbrecher", die Dresden und Hiroshima in Schutt und Asche verwandelten, nicht vor die Gerichte.

"Macht Schluß mit der Doppelmoral für Sieger und Besiegte, mit Selbstbezichtigung und Selbstverfolgung." So der Kieler FDP-Landesvorsitzende Otto Eisenmann. "Aus Gründen der Befriedung brauchen wir eine Generalamnestie." So der CDU-Abgeordnete Karl Kanka und der "Stahlhelmbund der Frontsoldaten". "Die Justiz ist keine Hure!" So die "Deutsche National- und Soldatenzeitung".

Neben diesen nationalistischen Marktschreiern gibt es auch die Stimmen besonnener Verfechter einer Einhaltung der Verjährungsfrist. So forderte unlängst Golo Mann: "Wenn Raubmord und Lustmord verjähren, so müssen es diese politisch bedingten Verbrechen auch." Helmut Thielicke fand: "Für Blutschuld gibt es kein Plusquamperfektum", und Max Güde warnte vor einem "gewissen Pharisäismus" bei der jungen Generation, der durch die Prozesse entstehen könnte.

Die juristischen Gründe, die für eine Einhaltung der Verjährungsfrist vorgebracht werden, sind diese:

1) Die Rechtssicherheit verlange eine Fristbegrenzung. Das Strafgesetzbuch sei auch eine "Magna Charta des Verbrechers", die ihm Schutz gewähre.