2) Ein Aufschub der Frist käme einem Sondergesetz gleich, einer "Lex Auschwitz". Dies störe die Rechtsgleichheit. Nationalsozialistisches Unrecht, so verteidigte sich Minister Bucher, könne nicht mit quasi-nationalsozialistischen Gesetzen geahndet werden. Hinzu käme, daß dann in der Regel nur die Täter "im zweiten Glied" zur Verantwortung gezogen würden, nicht aber die Befehlsgeber, die von den Alliierten begnadigt wurden. Es mangele daher an der "gleichmäßigen Gerechtigkeit" (Max Güde).

3) Das Sühnebedürfnis nehme ab. Es gebe die "versöhnende Wirkung" der Verjährung, die "heilende Wirkung des Zeitablaufes". Eine "nachhinkende Strafe" sei keine "gerechte Strafe", es würden nur alte Wunden wieder aufgerissen.

4) Das Erinnerungsvermögen der Zeugen werde mit dem Lauf der Zeit immer schwächer. Nach zehn, zwanzig Jahren könne man sich nicht mehr darauf besinnen, wer wann wie viele Juden auf welche Weise getötet habe. Die Folgen wären milde Urteile und zahlreiche Freisprüche. Damit sei aber niemandem gedient.

Im Vergleich zu solchen vernünftigen, sachlichen Gründen, die von Juristen gegen eine Verlängerung der Verjährungsfrist über den 8. Mai 1965 hinaus vorgebracht werden, redete Kiels Justizminister Bernhard Leverenz nur an der Sache vorbei, als er meinte: "Weil wir uns aber im Gegensatz zu ihren Taten (der NS-Massenmörder) der Menschlichkeit verpflichtet fühlen, wollen wir es den wenigen, denen es gelungen sein sollte, sich zwanzig Jahre lang jeder staatlichen Entdeckung zu entziehen, allein überlassen, mit ihren Untaten zurechtzukommen. Die Grenzen irdischer Gerechtigkeit sind hier erreicht." Der SS-Hauptsturmführer, der jüdische Babys an die Wand warf, der alten Frauen den Genickschuß gab, die Juden mit der Peitsche zu Tode prügelte, nun als reuiger Sünder in seinem stillen Kämmerlein?

Es war am 107. Tag des Frankfurter Auschwitz-Prozesses. Aufgerufen als Zeuge wurde ein würdig aussehender Mann. Sein Name: Dr. Johann Thümler; sein Beruf: leitender kaufmännischer Angestellter. Auf Fragen des Richters entgegnete er meist: "Da bin ich überfordert" – "Ich weiß es nicht!" Kein Wunder, daß der Zeuge Thümler unvereidigt blieb. Das Gericht konnte dem Mann keinen Glauben schenken, der als Chef der Gestapo-Stelle Kattowitz seit dem Herbst 1943 im Konzentrationslager Auschwitz dem Standgericht vorstand. Damals unterschrieb Thümler Todesurteile am laufenden Band. Damals duldete er es wohl auch, daß die ihm vorgeführten Häftlinge (die "Verhandlung" dauerte jeweils nur ein paar Minuten, "Schnellverfahren" nannte man das) zuvor bestialisch gefoltert wurden, um sie geständig zu machen. Wenn sie dann zu ihm in die "Gerichts"-Baracke geschleift wurden, waren sie oft schon halbtot.

Heute aber erinnert sich der Zeuge Thümler nicht mehr daran. Hocherhobenen Kopfes durfte er den Gerichtssaal verlassen, als ein freier, unbescholtener Bürger. Gegen ihn hatte nie ein Staatsanwalt ermittelt, kein Richter je einen Haftbefehl erlassen. Wenn dies nicht bis zum 8. Mai 1965 geschieht, dann könnte er sich eines Tages am Stammtisch ungestraft rühmen, auch er habe damals in Auschwitz "Juden durch den Ofen gehen lassen".

In dem mahnenden "Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland" zu den NS-Verbrecherprozessen wird an einer Stelle auch jener Satz aus den "Sprüchen" der Bibel (Vers 14, 35) zitiert: "Gerechtigkeit erhöhet ein Volk, aber die Sünde ist der Völker Verderben." Oder behält am Ende doch der amerikanische Dramatiker Arthur Miller mit seinem Urteil recht, das er nach einem Besuch im Frankfurter Auschwitz-Gerichtssaal fällte: "Ich kann den Verdacht nicht loswerden, daß vielen herzlich wenig daran gelegen ist, eine Sicherung dagegen einzubauen, daß Auschwitz sich wiederholt. Sie kümmern sich nicht die Bohne um Gerechtigkeit oder darum, die Welt so zu formen, daß man in ihr leben kann."

Zieht man die letzten Meinungsumfragen zu Rate, so müßte man diesem Kronzeugen freilich beipflichten: 64 Prozent der Männer und 76 Prozent der Frauen in der Bundesrepublik plädieren dafür, daß mit den Prozessen gegen die Auschwitz-Mörder, gegen die Treblinka-Schergen und gegen Eichmanns Judenjäger Hunsche und Krumey endlich Schluß gemacht werde. Es sind dieselben Menschen, die "an den Galgen mit ihm" schreien, wenn ein Kindesmörder nach 15 Jahren gefaßt wird...