Die Zeit der rationalen Überlegungen ist vorbei; das war der Eindruck, den die Vertreter der Mineralölindustrie nach der fast ganztägigen Seelenmassage hatten, die ihnen in der vergangenen Woche in der Bundeshauptstadt verabreicht wurde. Sicher nicht zu unrecht; denn allzu deutlich hatte der Bundeskanzler seine nach Bonn zitierten Gesprächspartner davon zu überzeugen versucht, daß auch sie daran mitwirken müßten, eine "Demonstration für die Kohle" zu inszenieren.

Recht unverblümt hatte Professor Erhard zu erkennen gegeben, daß hier ausschließlich politische Argumente im Spiele sind. Es kommt der Bundesregierung offenbar nur noch darauf an, daß schnellstens "etwas geschieht", was die Krisenstimmung im Ruhrgebiet beseitigen könnte. Der Bergbau soll mit Vertrauen in die Zukunft sehen, in eine Zukunft, in der er ebenso viel Kohlen fördern und absetzen kann wie heute; das ist die Devise, die sich der Bundeskanzler unter dem starken politischen Druck aller Bergbauinteressenten zu eigen gemacht hat und die er nun – übrigens auch keineswegs ganz ohne Druck – der Mineralölindustrie zu verkaufen versucht.

"Freiwillig" sollen die angesprochenen Unternehmen sich im Heizölgeschäft in Zukunft größere Zurückhaltung auferlegen. In diesem Bonner Gespräch hat man die Formel einer Angebotsbeschränkung gefunden. Jeder auf dem deutschen Markt tätige Produzent oder Importeur von schwerem Heizöl soll künftig nur noch seine jeweilige Vorjahrsmenge ansetzen, die um einen sogenannten "normalen" Zuwachs ergänzt werden darf. Um ein Einfrieren der gegenwärtigen Marktanteile also geht es, eine Art Zwangskartell mit feststehenden Absatzquoten.

Zum zweitenmal drängt es Professor Erhard danach, die Patenschaft für ein "freiwilliges" Kartell auf dem deutschen Energiemarkt zu übernehmen; dabei hat er mit dem unseligen Kohle-Öl-Kartell des Jahres 1959 (das seinerzeit auch als Stein der Weisen zur Beseitigung der Absatzschwierigkeiten im Steinkohlenbergbau gefeiert worden war) recht blamable Erfahrungen sammeln müssen. Das 59er Kartell hat überhaupt nicht funktioniert, weil nur die Großen daran beteiligt waren und gerade dadurch den Außenseitern ungeahnte Chancen zum Größerwerden zugespielt wurden. Das gleiche Schicksal steht zunächst auch dem 64er Modell bevor.

Am Tische des Bundeskanzlers saßen nur die Vertreter der großen Mineralölkonzerne einschließlich der Zebras. Zusammen repräsentieren die um ihre Schützenhilfe für die deutsche Kohle gebetenen Gesellschaften rund 80 Prozent des Heizölgeschäftes in der Bundesrepublik. Diesmal allerdings bestehen sie darauf, daß alle Beteiligten an die gleiche Kette gelegt werden. "Sonst fühlen wir uns an keine Abmachung gebunden", heißt es bei den in die moralische Zange genommenen Ölvertretern. Daß die Bundesregierung spontan zugesagt hat, dafür "unverzüglich" die Voraussetzungen zu schaffen, kann zwar nach allem nicht mehr überraschen, spricht aber gleichzeitig auch für einen zu erwartenden gesetzlichen oder wenigstens administrativen Zwang.

Und was ist dann damit erreicht? Nur um das schwere Heizöl geht es ja bei dieser Maßnahme. Davon sind in der Bundesrepublik im Jahre 1963 13 Millionen Tonnen verbraucht worden. In diesem Jahre werden 19 Millionen Tonnen erreicht werden; das entspricht einer 15prozentigen Verbrauchssteigerung. Legt man die industrielle Wachstumsrate von 7,5 Prozent als den gerade noch erlaubten "normalen" Zuwachs zugrunde, dann wären auf dem deutschen Markt genau 1 Million Tonnen schweres Heizöl "zu viel" abgesetzt worden.

Nach der gängigen Umrechnungsformel sind das ganze 1,4 Millionen Tonnen Steinkohleeinheiten! Wieviel Illusion gehört dazu, daran zu glauben, daß auf diesem Wege die Versprechen zu erfüllen sind, die man in Bonn dem Bergbau gegeben hat. Aber der eigentliche Ärger besteht überhaupt erst darin, daß hinter der ohnehin fragwürdigen Regulierung des Heizölangebotes als eine Art Knüppel aus dem Sack schon andere weitgehende Eingriffe in den Energiemarkt drohen. Auch dafür sind die Weichen in Bonn schon gestellt. Ingrid Neumann