Die City hat dramatische Tage erlebt. Kurz vor dem Wochenende kam es zur bisher gefährlichsten Krise für das Pfund. Die Bank von England mußte an einem einzigen Tag nahezu 200 Millionen Mark Devisen aufwenden, um ihre Währung zu stützen. Wilson und die mit ihm auf dem Landsitz Chequers versammelten Minister beschlossen daraufhin in aller Eile den Diskontsatz von fünf auf sieben Prozent heraufzusetzen.

Die Krise der britischen Währung war so ernst geworden, daß der Regierung praktisch nur dieser Weg – oder aber die Abwertung des Pfundes geblieben wäre. Eine Abwertung glaubte sich Wilson nicht leisten zu können, einmal um seine Partei (die schon einmal 1949 das Pfund abgewertet hatte) nicht zu belasten, zum anderen um die durch die Zollerhöhung erschreckten Commonwealth-Länder nicht noch weiter zu schädigen. Nach der drastischen Erhöhung des Diskontsatzes ist das Pfund zunächst gerettet, weil nun wieder Auslandsgeld nach London fließen wird. Aber welchen Preis muß Harold Wilson dafür bezahlen ...

"Größere wirtschaftliche Dynamik" – das ist es, was Labour vor allem versprochen hat, England soll nach den Vorstellungen von Harold Wilson zu einem technologisch hochgezüchteten Industriestaat umgebaut werden, der im wirtschaftlichen Wettbewerb mit anderen Nationen wieder eine Spitzenstellung einnehmen kann. Aber wie soll die notwendige Beschleunigung des wirtschaftlichen Wachstums ausgerechnet dadurch erreicht werden, daß die Regierung die Kreditbremsen anzieht?

So schlittert die Labour-Regierung immer tiefer in eine Wirtschaftspolitik der Widersprüche hinein. Sie erklärt, daß zur Verbesserung der Produktivität die Investitionen der Wirtschaft erhöht werden müssen – und zieht die Steuerschraube an. Sie versichert, die Stahlindustrie müsse endlich wieder international wettbewerbsfähig werden – unterbindet aber durch die Sozialisierung den Wettbewerb im eigenen Land. Sie will Englands Industrie durch einen Ausleseprozeß zu höheren Leistungen anspornen – errichtet aber einen Schutzwall aus hohen Zöllen.

Wer gerecht ist, wird zugeben müssen, daß Harold Wilson ein schweres Erbe übernommen hat: Die Konservativen haben ihm ein wirtschaftlich müde gewordenes Land hinterlassen. Aber man muß dann auch sagen, daß die Politik der neuen Männer bisher enttäuschend doktrinär gewesen ist: Keine Maßnahme, die nicht auch von der ersten Labour-Regierung nach 1945 hätte getroffen werden können – einer Regierung, deren wirtschaftliche Mißerfolge unbestreitbar sind.

Die Kursstürze der englischen Aktien mag Harold Wilson gelassen aufnehmen: Geht die Kurve an der Börse nach unten, so steigt dafür die Kurve der Popularität. Die letzten Meinungsumfragen zeigen einen Vorsprung von zehn Prozent für Labour. Den unbefangenen Beobachter aber muß es bedenklich stimmen, daß England nun offensichtlich zu der verhängnisvollen Politik des "Go and stop" zurückgekehrt, zum ständigen Schwanken zwischen Anreiz und Bremse. Erst 40 der 100 Tage sind vergangen, in denen Harold Wilson die Umrisse einer modernen, undoktrinären, einfallsreichen Wirtschaftspolitik sichtbar machen wollte – und schon scheint sich seine Vision vom "Neuen Britannien" im Nebel zu verlieren. D. Stolze