Familienzuwachs gab es in diesen Tagen im Krupp-Konzern. Die Atlas-Werke AG, Bremen, hat eine neue Heimat erhalten: Die Firma Fried. Krupp, Essen, hat rund 80 Prozent des Aktienkapitals von 20 Millionen Mark der Atlas-Werke erworben. Bis 1963 gehörte das Unternehmen in den Einflußbereich von Hugo Stinnes persönlich. Krupp hat die Aktien von der Bank für Gemeinwirtschaft AG, der Bremer Landesbank und der Landesbank Schleswig-Holstein übernommen. Über den Kaufpreis, den der Essener Konzern gezahlt hat, wurde keine Angabe gemacht. An der Hamburger Börse notiert die Aktie der Atlas-Werke gegenwärtig um 365.

Die Beweggründe des Krupp-Direktoriums, die zu der Angliederung der Atlas-Gruppe geführt haben, werden in Essen nicht näher erläutert. Ebenso sei es noch zu früh – so wird auf Anfrage betont –, konkrete Angaben zu machen, in welcher Form die Integration der neuen Tochter in den Krupp-Konzern vorgenommen werden soll. Es liegt aber durchaus im Bereich der Möglichkeit, daß die Atlas-Gruppe aufgeteilt wird, um mit einzelnen Konzerngesellschaften zusammenarbeiten zu können.

Das Produktionsprogramm der hauptsächlich im Maschinenbau tätigen Bremer Gesellschaft – zu der als bedeutendste durch Organschaftsvertrag verbundene Tochtergesellschaft die Kieler MAK Maschinenbau Kiel GmbH gehört – paßt jedenfalls zu verschiedenen Krupp-Unternehmen. Der Umsatz der Atlas-Werke AG betrug im vergangenen Geschäftsjahr – über das die Verwaltung der Hauptversammlung am 13. Oktober berichtet hat – 237 Millionen Mark; daran war die Muttergesellschaft selbst mit III Millionen Mark beteiligt. Fast den gleichen Umsatz, nämlich 104 Millionen erzielte die MAK, während die übrigen Organtöchter, die M. Achgelis Söhne GmbH, Bremen, die Atlas-Meß- und Analysentechnik GmbH, Bremen, sowie die Süd-Atlas-Werke GmbH, München, sich in den restlichen Umsatz teilen. nmn

Man kann nur einen angemessenen Pieis erzielen, wenn man Luft hat zu warten", hatte der Finanzier und Bankier Münemann stolz verkündet. "Und Luft habe ich", hatte er schnell hinzugefügt, als er vor einem Jahr mit seiner damaligen Investitions- und Handelsbank die in Schwierigkeiten geratene Firmengruppe van Hugo Stinnes jun. für rund 75 Millionen Mark übernommen hatte.

Nun, das Atmen war Münemann dann doch recht schwergefallen. Jedenfalls mußte seine Bank das Imperium des Hugo Stinnes jun., das von der Schiffahrt, dem Handel bis zur Rüstungsproduktion reichte, an die Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) weitergeben, die gerade der zahlungsunfähig gewordenen Hugo Stinnes oHG, Mülheim, finanziell beigesprungen war und kurzentschlossen das Herzstück des Konzerns, die "Brenntag" mit ihren zahlreiche Tochtergesellschaften gekauft hatte. Befragt, was er mit den über acht Industrieunternehmen beider Stinnes-Konzerne nun anfangen wollte, hatte der Chef der Bank für Gemeinwirtschaft, Walter Hesselbach, seinerzeit geantwortet, daß sein Institut nicht beabsichtige, sich als Industrieller zu betätigen. Es käme vielmehr darauf an, verkaufsreife Unternehmen weiterzuveräußern, und die anderen verkaufsreif zu machen, "jedenfalls werden wir die einzelnen Objekte nicht wie Kirschen losschlagen", hatte Hesselbach versichert.

Heute, ein Jahr nach diesen Worten, hat der Chef der viertgrößten überregionalen Bank der Bundesrepublik sein Ziel erreicht. Nicht wie reifes Obst, sondern wie kostbare Antiquitäten, die mit dem Alter wertvoller werden, hat er die Tochtergesellschaften der beiden Stinnes-Konzerne an den Mann gebracht. Mit dem Verkauf der Aktienmehrheit der Atlas-Werke AG, Kiel, an den Krupp-Konzern hat das letzte und größte Unternehmen der Firmengruppe Hugo Stinnes jun. einen neuen Eigentümer gefunden. Kurz zuvor waren die Fella-Werke, eine mittlere Landmaschinenfabrik, an Fichtel & Sachs verkauft worden. Schon ein halbes Jahr zuvor war Wolff & Co, die vor allem Folien und Kunststoffe produziert, in den Bereich der Metzeler-Werke übergegangen, während die Ruhr-Intrans-Hubstapler GmbH von einem amerikanischen Konzern erworben worden war.

Auch die geduldigen Bemühungen um den Wiederverkauf der "Brenntag" der Stinnes oHG Mülheim (Cläre Hugo Stinnes-Wagenknecht und Otto Stinnes) konnten erfolgreich abgeschlossen werden. Hier hatte die Bank in der Hugo Stinnes AG, deren Kapital seit dem von der Bundesregierung finanzierten Rückkauf aus den USA bei einem Bankenkonsortium liegt, einen finanzstarken Käufer gefunden.

Damit hat das den Gewerkschaften und den Konsumgenossenschaften nahestehende Kreditinstitut bis auf die Beteiligung an einer kleinen Gesellschaft alle Stinnes-Töchter zielstrebig unter die Haube gebracht. Der entschlossene Erwerb vor Jahresfrist und die zeitraubenden Verhandlungen mit zahlreichen Interessenten haben sich gelohnt. Sie sind nicht nur den verkauften Unternehmen zugute gekommen, deren investiertes Kapital und Arbeitsplätze erhalten blieben. Sie haben auch der Bank für Gemeinwirtschaft Gewinn gebracht, der sich nicht nur in Millionen Mark errechnen läßt. W. W.