Von Kurt Simon

Soll man jetzt bauen oder warten? Das fragen manche, die von den Klagen der Bauwirtschaft gehört haben. Solche Klagen kehren allerdings seit sechs Jahren regelmäßig wieder. Immer wieder wird die Wende am Baumarkt heraufbeschworen; eine Wende, das heißt der Ausgleich von Angebot und Nachfrage mit allen günstigen Wirkungen auf Qualität, Baufristen und Preise. Aber immer wieder wurde der Baubedarf unterschätzt. Die Bauwirtschaft blieb überfordert.

Wird es diesmal anders sein? Das fragen die Bausparer, die bisher angesichts des Preisauftriebs für Wohngebäude – seit 1958 immerhin knapp fünfzig Prozent – ihren Traum vom Eigenheim nicht verwirklichen konnten. Das Geschehen am Baumarkt ist aber nicht nur für die unmittelbar Beteiligten wichtig. Von ihm gehen Impulse auf die gesamte Volkswirtschaft aus. Jeder zehnte Arbeitnehmer ist auf dem Baumarkt tätig. Die Bautätigkeit war bisher der zuverlässigste Konjunkturmotor. Wird sie das auch künftig bleiben?

Voraussagen über das Baugeschehen innerhalb eines kurzen Zeitraums, etwa eines Baujahres, sind ebenso schwierig wie Wetterprognosen. Das Wetter hat ja immer noch ein wichtiges Wort mitzureden über den Umfang der Bautätigkeit. Wenn der Winterbau auch mehr und mehr diesen Einfluß eindämmen soll, so bleiben doch noch andere Unwägbarkeiten genug. Für 1964 war für Bauten der Wirtschaft ein gleiches Volumen wie im Vorjahr angekündigt worden. Tatsächlich wird für die gewerbliche Wirtschaft um 40 Prozent mehr gebaut. Höher als veranschlagt sind auch die Zuwachsraten im öffentlichen Bau. Das Verhältnis der Leistungen in den einzelnen Baubereichen dürfte sich daher zugunsten dieser beiden Bereiche verschieben. 1963 hatten von der gesamten Bauleistung, die einem Wert von 52 Milliarden Mark entsprach,

  • der Wohnungsbau einen Anteil von 40 Prozent;
  • der öffentliche Bau von 35 Prozent (davon zwei Drittel im Tiefbau und 10 Prozent für die Verteidigung);
  • der Wirtschaftsbau von 25 Prozent (davon ein Fünftel landwirtschaftliche Bauten).

Wirtschaftsministerium und Bundesbank hatten für 1964 einen Bauboom mit allen nachteiligen Wirkungen vorausgesagt. Er ist ausgeblieben. Nach einer kräftigen Zunahme der Bauleistungen im ersten Halbjahr kam es zu einer ausgesprochenen Sommerflaute, die sich sogar bis in den September hinzog. In der Bauindustrie sind 10 000 Arbeiter weniger beschäftigt als vor Jahresfrist. Die Baupreise sind seit Mai nur noch geringfügig gestiegen. Im Straßenbau gab es sogar Preisnachlässe von durchschnittlich drei Prozent. Im Hochbau werden die Vorjahrspreise aber immer noch um 5,5 Prozent überschritten.

Die leichte Entspannung am Baumarkt kam nicht so sehr wegen einer manchmal zögernden Nachfrage zustande, sie ist vielmehr das Ergebnis einer erstaunlichen Zunahme des Leistungsvermögens (Kapazität) der Bauwirtschaft. Die Kapazität ist stärker gewachsen als die Nachfrage. Das ist das kleine Baumarktwunder dieses Jahres. Die günstige Witterung in den ersten Monaten des Jahres hat hierbei mitgeholfen. So kam es, daß im Straßenbau viele Aufträge schon um die Jahresmitte ausgeführt waren. Anschlußaufträge der öffentlichen Hand beschäftigten nur die Hälfte der Straßenbaukapazität.