Gr., Lübeck, im November

Selbst ein reicher Mann mit besten Beziehungen darf in der Bundesrepublik nicht ungestraft Menschen überfahren. Das ergibt sich aus dem Urteil der Großen Strafkammer in Lübeck gegen den Fabrikanten Carl Compart in Lütjensee. Compart wurde zu anderthalb Jahren Gefängnis und zum Entzug des Führerscheins auf vier Jahre verurteilt, weil er am 15. Dezember 1962 auf der Autobahn Hamburg–Lübeck schuldhaft einen Verkehrsunfall verursacht hatte, durch den ein Mann getötet und eine Frau schwer verletzt wurde.

Einem normalen Bundesbürger erscheint ein solches Urteil vermutlich selbstverständlich. Den Einwohnern des holsteinischen Dorfes Lütjensee gab es den Glauben an die Justiz zurück.

Die Ereignisse, die dem Urteil zu. Grunde liegen, lesen sich wie ein schlechter Kriminalroman. Am 15. Dezember 1962 fährt ein Mercedes 220 SE auf einem nur einspurig befahrbaren Stück der Hamburg–Lübecker Autobahn mit großer Geschwindigkeit auf den vor ihm fahrenden Volkswagen der Lübecker Ärztin Dr. Ilse Hahn auf und drückt diesen Wagen auf die andere Straßenseite in einen entgegenkommenden Fiat 500 hinein. Der Fahrer des Fiat, der 20jährige Harald Hansen wird dadurch getötet, die Ärztin wird schwer verletzt. Der Fahrer des Mercedes aber ist verschwunden. Als die Polizei an der Unfallstelle eintrifft, steht nur der leere Wagen am Straßenrand, nicht beschädigt aber sorgfältig abgeschlossen. Der Zündschlüssel ist abgezogen.

Die Polizei sucht vergeblich den Eigentümer des Wagens – Carl Compart, Hauptinhaber der Hamburger Fahrzeugbaufabrik "Cobold" und Besitzer einer feudalen Villa im Dorf Lütjensee, dreißig Kilometer östlich von Hamburg. Er ist verschwunden. Erst am nächsten Nachmittag, achtzehn Stunden nach dem Unfall, erscheint er in Begleitung zweier Anwälte bei der Polizei. Der Mercedes, der den Unfall verschuldet hat, gehört ihm, und die Unfallstelle liegt genau auf dem Weg von seiner Fabrik zu seiner Wohnung. Aber er habe den Wagen nicht gefahren, erklärt er. Das Auto sei ihm vielmehr gestohlen worden.

Nun sind die Autos des Carl Compart schon seit Jahren gefährlich für die Bürger der Bundesrepublik: 1952 wird in Hamburg ein junger Mann von ihm totgefahren; 1957 verursacht er erneut einen Verkehrsunfall; 1958 begeht er Fahrerflucht und versteckt sich – nach mehreren Gläsern Kognak – in seinem Badezimmer vor der Polizei. Einen gewöhnlichen Autofahrer hätte eine solche Serie von Unfällen vermutlich längst seinen Führerschein gekostet. Doch Compart geschieht kaum etwas. Der Unfall des Jahres 1952 wird aus bis heute nicht geklärten Gründen strafrechtlich nicht verfolgt. Akten darüber gibt es nicht. Für die späteren Delikte erhält er zwar drei Wochen Gefängnis, aber mit Bewährungsfrist. Und vor allem: er darf seinen Führerschein behalten.

Im Dorf Lütjensee, wo der Fabrikant wegen seiner Überheblichkeit nicht gerade beliebt ist, glaubt man auch den Grund dafür zu wissen. "Dem Compart tun sie nichts, der hat zu viel Geld und zu gute Verbindungen flüstert man sich in den Dorfkneipen zu und zitiert dabei den Wahlspruch des Fabrikanten, der lautet: "Mit Geld kann ich alles machen."